Presse

Wenn der Sensenmann pfeift

„Totentanz“ mit Klang und Licht am Lettner Hildesheim.

Eine quadratische Lichtsäule steht zwischen den vorderen Stuhlreihen des Lettnersaals im Dommuseum. An ihr sind Perlenfäden mit Büroklammern befestigt. Die Säule ist Teil der Inszenierung rund um das Thema „Totentanz“, das der Kammerchor Hildesheim unter Bernhard Römers Leitung präsentiert. Gemeinsam mit Iris Düsseldorf (Querflöte), Jan Henri Gehrs (Lichtkonzeption, Lichttechnik), Tim Nerenberg und Chantal Biewald (Lichttechnik) gestalten die Sänger Klangbilder, in denen jeder nach der Pfeife des Sensenmannes tanzen muss.

Passend zur Ausstellung „Totentänze“, die noch bis zum 30. November im Dommuseum zu sehen ist, ziehen frühbarocke bis mäßig moderne Werke durch den Saal. Rote Lichttöne für den Tod, eisiges Blau für die Abberufenen und Zwischentöne unterstreichen leitmotivisch die Szenerie.

Die Flötistin Iris Düsseldorf setzt zwischen die Werke meditative Momente. In Claude Debussys „Syrinx“ für Flöte solo formt die Musikerin entrückte Töne. So wird Debussys Trauerlied Pans für die Nymphe Syrinx zu einem poetischen Bild, das sich wie eine Klagemauer aufbaut.

Der Höhepunkt des Abends: Hugo Distlers 1934 komponierte Motette „Totentanz“. Die Sinnsprüche auf Texte des barocken Mystikers Angelus Silesius und die gesprochenen Dialoge zwischen dem Tod und Figuren spätmittelalterlicher Ständegesellschaft gestalten die Mitwirkenden eindringlich.

Die gedrängten Dialoge der Totentänzer mit dem Tod spiegeln sich präzise in den Lichtund Klangbildern. Und Iris Düsseldorf bringt in diese unentrinnbare Szenerie als roten Faden die Variationen über das Volkslied „Es ist ein Schnitter, heißt der Tod“ expressiv auf den Punkt.

Musikalisch einfühlsam gestalten die klangprächtigen Stimmen die scharfen Kontraste des Totentanzes. Doch besonders die schwebenden Momente wie im siebten Spruch („wo du willst ew’ge Ruh und ew’gen Frieden finden!“) geben diesem Spiel, bei dem alle Masken fallen, tröstliche Momente.

Von den textverständlichen Sprechrollen, die Chormitglieder mit Stabmasken übernehmen, ist Lorenz Heimbrecht hervorzuheben. Er deklamiert beeindruckend die Darstellung des Todes. Die Stabmasken der Figuren der Ständegesellschaft landen an den Fäden mit den Büroklammern. Nur die Maske des Todes bleibt. Der letzte Ton verklingt leise. Das Licht ist aus. Nach kurzem Innehalten spendet das Publikum viel Applaus für diese gelungene Umsetzung eines schwierigen Stoffs. jür

 

HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG 16.11.2017

Luther ruft zu Sang und Klang

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Die St.-Andreas-Kantorei und die Philharmonie Südwestfalen sorgen mit Solisten in St. Andreas für durchsichtigen Klang. FOTO: GOSSMANN

Tadelloses Festkonzert zum Reformationsjubiläum: Bernhard Römer dirigiert vor 600 Konzertbesuchern in St. Andreas

Hildesheim. Der Reformator Martin Luther ruft. Und die Schlange vor der Andreaskirche ist lang. 600 Besucherfinden ihren Platz, das Festkonzert zum 500. Reformationsjubiläum beginnt mit 15 Minuten Verspätung. Unter der Gesamtleitung von Andreaskantor Bernhard Römer huldigen die St.-Andreas-Kantorei Hildesheim, die Philharmonie Südwestfalen (Konzertmeisterin: Evgenia Gelen) und Vokalsolisten mit Werken von Johann Sebastian Bach und Felix Mendelssohn Bartholdy Luther. In dem barocken und romantischen Werk entstehen ausbalancierte Stimmen und Instrumente für eine Einheit.

Wie ein roter Faden zieht sich Luthers populärer, aber auch (politisch) missbrauchter Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ durchs Programm. In Bachs gleichnamiger Kantate (BWV 80) stehen Textverständlichkeit und sensible Tongebungen im Zentrum der Interpretation. Schon im figurierten, komplexen Eingangschor beweisen die Kantorei und das Orchester, dass sie für wohlgeformte Töne stehen. Der Symbolcharakter, der aus dem Trotz-, Sieges- und Selbstbewusstsein der Reformationsbewegung spricht, ist ausdrucksstark im Werk verankert. Luthers Reformationshymne findet einen festen Platz in der Arie „Alles, was von Gott geboren“.

Die sensibel geführte Stimme der Sopranistin Miriam Meyer und der klare, geschmeidige Ton des Baritons Peter Kubik finden in bester Balance eine gemeinsame Note. Filigrane Klänge der Choralmelodie im Sopran und kämpferische Töne im Bariton stehen trotz der unterschiedlichen Aussagen in der Musik für einen Weg.

Auch die Solisten Gesine Grube (Alt) und Jörn Lindemann (Tenor) schaffen im Duett „Wie selig sind doch die, die Gott im Munde tragen“ eine gemeinsame Klangebene, die empfindsame und kräftige Töne in homogenen Stimmmischungen einfängt.

Die Lichter und Schatten, die im Werk angelegt sind, werden von der stimmigen Kantorei, dem herausragenden Orchester und den Solisten minutiös eingefangen. Dezente Spannungsbögen leuchten genauso ein wie das Vermögen, Unmittelbarkeit zu erzeugen.

Insgesamt fällt besonders positiv auf, dass die Musiker bestens auf den Kirchenraum eingestimmt sind. Bernhard Römer verzichtet in sämtlichen Werken auf überbordende Dynamik oder Dramatik. Vielmehr sind Klarheit und filigranes, federndes Spiel Programm. Dies macht sich auch bezahlt in Mendelssohns „Reformations“-Sinfonie Nr. 5 d-Moll (op. 107). Das Material des Werks poliert die Philharmonie Südwestfalen glänzend. Die schwebenden, aber auch schillernden Passagen erhalten im leichtfüßigen Spiel Fundament. Unter Bernhard Römers klarem Dirigat greifen Musizierfreude und Geist tadellos ineinander. Und Luther? Dessen Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ gipfelt im vierten Satz der Reformationssinfonie.

Minutenlange Ovationen für die Musiker und den Dirigenten Bernhard Römer. Ein tadelloses Festkonzert voller Sang und Klang. Birgit Jürgens

HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG 02.11.2017

Aufwühlendes Benefizkonzert

Mendelssohns „Elias“ fasziniert 600 Besucher in der St.-Andreas-Kirche

Hildesheim. Über hundert Musiker haben in der St.-Andreas-Kirche ihre Plätze eingenommen. Ein starkes Stück Musik steht auf dem Programm, Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium „Elias“. Prächtig aufeinander eingestimmte 13bis 21jährige Musiker des Niedersächsischen Jugendsinfonieorchesters geben brillant alles und entwickeln mit der St.-Andreas-Kantorei Hildesheim und Vokalsolisten das dramatische Werk vor 600 Konzertbesuchern. Die Rotary-Clubs Hildesheim unterstützen das Benefizkonzert. Der Erlös fließt in das Projekt „Spielgeräte für geistig behinderte Kinder und Jugendliche“.
Unter der packenden Leitung von Andreaskantor Bernhard Römer fügen sich vom gehauchten Pianissimo bis zum raumfüllenden Fortissimo die Bilder des Werks zu einem Ganzen. Die teils opernhaften Züge, die mitreißenden Momente und Ruhepunkte  setzen  die Künstler einhellig in den aufwühlenden Handlungsmomenten des ersten Teils und den lyrischen Abschnitten des zweiten Teils in Szene. Stimmgewaltig schreitet der Bariton Manfred Bittner durch die Elias-Partie. Bittner verleiht der prophetischen Kraft Elias’ sonore, aber auch lyrische Töne. In der wahrhaftig mörderischen „Hammer“-Arie („Ist nicht des Herrn Wort wie ein Feuer“) vereint Bittner Kraft und Wärme. Doch auch die schmerzvollen Töne der Arie „Es ist genug“ trifft der wandlungsstarke Sänger. Getragen vom innigen Ton des Solocellisten Simon Napp durchdringt Bittner die erschütternde Musik.
Die geschmeidige Stimme der Sopranistin In-Sun Min-Neuburger bezaubert besonders in der kontemplativen Arie „Höre, Israel“. Die lieblichen und markanten Akzente blühen filigran auf.
Zu Höchstform läuft die Altistin Elisabeth Graf auf. Die samtig starke Stimme Grafs formt auch die Bögen des Arioso „Weh ihnen, dass sie von mir weichen!“ zu einer Einheit aus Sinnlichund Kernigkeit.
Der Tenor Joachim Streckfuß begeistert dank seines kultivierten, lyrischen Tenors. So wird die Arie „Dann werden die Gerechten leuchten“ zu einem leuchtenden Beispiel hoher Kunst.
Die Kantorei, darunter zahlreiche Solisten aus den eigenen Reihen, überzeugt vom ersten bis zum letzten Einsatz. Die flexiblen Sänger geben dem Choralcharakter des Chors „Wer bis an das Ende beharrt“ oder der Dramatik und strahlenden Schönheit des fugierten Schlusschors ihre Stimmen. Und sie behalten das Wesen des Oratoriums, die fromme Betrachtung, stets im Blick. Eine wahre Leistung. Birgit Jürgens

HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG 24.04.2017

Zum Schluss ein Kuss

Fest für Martin Luther: Capella de la Torre und Kammerchor Hildesheim in St. Michael

Hildesheim. Was verbindet die „Uroma der Oboe“ und „Ein Fest für Martin Luther“? Viel. Denn die „Uroma“ namens Schalmei und das Fest des 500. Reformationsjubiläums stehen für eine Epoche.
Es ist Katharina Bäuml, Leiterin des Ensembles Capella de la Torre, die knapp und kurzweilig die historischen Instrumente des Ensembles erklärt. Schalmei, Pommer, Dulzian („Uroma des Fagotts“), Renaissanceposaune, Truhenorgel und Schlagzeug schenken diesem Fest eine raffinierte bis scharfe Würze.
Das Ensemble, das 2016 mit dem ECHO-Klassik als „Ensemble des Jahres“ gekürt wurde, sorgt sowohl in den Instrumentalstücken als auch in den Werken mit dem Kammerchor Hildesheim unter Bernhard Römers Leitung für Hochspannung.
Die Veranstaltung lässt in drei Blöcken Musik erleben. Wie zu Luthers Zeiten folgt auf festliche Klänge zum Ankommen geistliche Gottesdienst- Musik und abschließend weltliche Feiermusik. Moderiert wird „Ein Fest für Martin Luther“, eine Veranstaltungsreihe von „Vision Kirchenmusik“, von Ulf Pankoke. Pankoke stellt pointiert Luthers Zeitgeist in den Kontext von Theologie, Musik, Wein, Weib und Gesang.
Alte Musik wird im Spiel der Capella de la Torre und im Gesang des Kammerchors Hildesheim zu einer Renaissance-Zeitreise. Auch einige frühbarocke Werke stehen auf dem Programm. Johann Walters „Eine feste Burg ist unser Gott“ auf Luthers Choral klingt unverbraucht. Sehr gute Stimmmischung, klare, schlichte Tongebungen im Chor und die packenden Klänge der Capella de la Torre werden hier zum kleinen Ohrwurm-Fest für Martin Luther.
Es ist nicht nur ein Ohrwurm, der durch die Michaeliskirche zieht. Hans Leo Haßlers populäres Lied „Tanzen und Springen“ lässt jedenfalls im Geiste die Tanzbeine schwingen. Ausgelassen springt der Funke des rhythmischen Witzes direkt von Chor und Ensemble aufs Publikum über.
Die Raffinesse und musikalische Ausgelassenheit der Capella de la Torre, gepaart mit brillanter Intonation und flexibler Gestaltungskraft, bringt mächtig frischen Wind in Alte Musik. Und die Improvisationstechniken krönen das Spiel zusätzlich. So werden eingangs über Andrea Falconieris achttaktigen Ciaconna- Bass quirlig neu aufblühende Variationen musikalisch fantasievoll kommuniziert.
Die drei Sätze Pavana, Galgliarda und Saltarello aus der Sammlung der Gebrüder Hess, die zu Luthers Zeit Stadtpfeifer in Breslau waren, bereitet die Capella delikat zu. Mit offenen Klangfarben im Gepäck nehmen die Profis die virtuosen Kunststücke beim Wort und ziehen durch die Musik der Kontinente. Die Gebrüder Hess, die musikalisch inspiriert wurden von Ländern aus aller Welt, hinterließen eine der bedeutendsten und größten Tanzsammlungen.
Und zum Schluss ein Kuss: Mit Claudin de Serminsys Liebeslied „Tant que vivrai“ beenden sämtliche Interpreten den offiziellen Teil des zeitlosen Konzerts mit dem Untertitel „So klingt Geschichte!“ Birgit Jürgens
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG 07.03.2017

Hirten aus den goldenen Zeiten

Telemanns und Bachs Weihnachtsoratorium faszinieren in St. Andreas

Hildesheim. Wohlklang aus etlichen Kehlen, mitreißendes Spiel und tadellose Trompetenklänge: So kann man stark komprimiert das gelungene Konzert am Epiphaniastag in St. Andreas auf den Punkt bringen. Unter der packenden und nuancierten Gesamtleitung von Andreaskantor Bernhard Römer durchflutet vor ungefähr 350 Zuhörern bereits einleitend strahlendes Licht den Kirchenraum.
Mit Georg Philipp Telemanns Weihnachtsoratorium „Die Hirten bei der Krippe zu Bethlehem“ (TWV 1:797) eröffnet ein Werk das Programm, das man selten hört. Anlässlich des 250. Todestages Telemanns (1681–1767) erinnern Vokalsolisten, das Ensemble Schirokko Hamburg und die St.-Andreas- Kantorei Hildesheim an den Barockkomponisten, der einst Schüler am Hildesheimer Gymnasium Andreanum war. Noch heute erinnert dort der Telemannsaal an den großen Musiker.
Die bildstarke Kantate, die Telemann kompositorisch in die idyllische Sprache des Dichters Karl Wilhelm Ramler übersetzte, lässt aufhorchen. Gerade der jugendliche Geist, der aus diesem Werk sprüht, begeistert. Immerhin war Telemann 78 Jahr alt, als er diese Klangwelten hinterließ.
Auf historischen Instrumenten und deren Nachbauten schenkt das Orchester voller Musizierfreude dem alten Werk zeitlose Noten. Gemeinsam mit den ausgewogenen, sicheren Chorstimmen stehen schon im Eingangschoral „O Jesu parvule“ Farbbewusstsein, Wort sowie Melodieausdruck an oberster Stelle. Von den Vokalsolisten ragt der Tenor Andreas Post heraus. Den Stilreichtum und die Spannungsstärke des Telemannwerks erfasst der Sänger in allen Lagen. Der Tenor modelliert mit Sinn und Verstand Wort und Ton und gibt gemeinsam mit den klaren, runden Tönen des Altus Christian Rohrbach den wiegenden Takt des Hirtenliedes an.
Der Bariton Raimund Nolte geht mit starker, mitunter gewaltiger Stimme ans Werk, so auch in der Arie „Hirten aus den gold‘nen Zeiten“. Insgesamt bleibt Telemanns Weihnachtsmusik eine große Entdeckung, ein grandios musiziertes Werk voller Bildkraft. In Johann Sebastian Bachs Weihnachtoratorium (BWV 248), Teile IV-VI, kommt auch die Sopranistin Helen Rohrbach mit großer Stimme zu vollem Einsatz. Besonders die dramatische Kraft, die durch die Arie des Terzetts „Ach, wenn wird die Zeit erscheinen?“ zieht, findet einen gemeinsamen großen Nenner in den homogenen Stimmen Helen und Christian Rohrbachs und in der Stimme des Tenors Andreas Post. Und das hervorragend lebendige Spiel der Konzertmeisterin Rachel Harris veredelt zudem diese Arie im Kirchenraum von der ersten bis zur letzten Note.
Der Tenor Andreas Post steht in Bachs Oratorium wie bereits in Telemanns Werk für Formgefühl und Kunstverstand. Der Sänger deklamiert vorzüglich die Evangelistenpartie und meistert die komplexen Arien mit Leichtigkeit. So vereinen sich auch in der Arie „Ich will nur dir zu Ehren leben“ dank Posts geschmeidiger, wandlungsstarker Stimme Gedanken, Symbolkräfte und Musik zu geistvoller Größe.
Der homogene, pulsierende Chorklang und die Textverständlichkeit erstrahlen besonders brillant im Eingangschor des fünften Teils („Ehre sei dir, Gott gesungen“). Aber es ist zudem stets die Liebe zum Detail, die das Konzert regiert, sowohl in den Chorälen als auch im hervorragend aufeinander abgestimmten Orchester. Denn die vitale Spiellust der Instrumentalisten, die Noblesse, die schlanken, virtuosen und großen Tongebungen fließen hier kongenial mit historischer Praxis zusammen. Und das Gesamtergebnis gleicht in der Andreaskirche klingenden Juwelen. jür

HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG 09.01.2017

Glanz und Gloria

Festliches Chor- und Orchesterkonzert

HILDESHEIM. Gipfeltreffen in St. Andreas mit Georg Friedrich Händel und Edward Elgar. In einem festlichen Chor- und Orchesterkonzert präsentieren unter der Gesamtleitung von Andreaskantor Bernhard Römer die St.-Andreas-Kantorei Hildesheim, das Ensemble Schirokko Hamburg und Solisten Werke dieser bedeutenden Komponisten.
Temperamentvoll und voller Musizierfreude begrüßt das Orchester die 400 Zuhörer mit Elgars „Introduction and Allegro“ (op. 47). Das 2007 gegründete Ensemble mit der Konzertmeisterin Rachel Harris präsentiert die romantischen Werke des Abends auf modernen Instrumenten. Ausbalanciert finden das Solistenquartett (Rachel Harris, Anne Harer, Ilja Dobruschkin, Rahel Bader) und der Tutti-Klangkörper zusammen. Zwischen zartem, aber nie süßlichem Schmelz und dramatischen Aufbauten pendeln die Musiker die Notentexte aus. Und auch seinen Namensgeber, den heißen Scirocco-Wüstenwind, lässt das Orchester immer wieder mitspielen. Die zahlreichen Verästelungen dieser Musik finden fantasievoll den Weg ans Licht.
Doch auch sonst ist das Orchester ein herausragend professioneller Klangkörper. In den Händel-Werken greifen die Musiker zu historischen Instrumenten. Händels Orgelkonzert F-Dur op. 4 Nr. 4 (HWV 292) begleiten die Künstler sensibel und sind ganz auf den Solisten Bernhard Römer abgestimmt. Römer an der Truhenorgel beeindruckt besonders in der Interpretation des ausgedehnten Andante. Hier entsteht eine große, innige Kantilene, eine in jeder Faser ausgereifte Kunst.
1707 vertonte Händel den 110. Psalm „Dixit Dominus“ (HWV 232). Die St.-Andreas-Kantorei und das Orchester halten unter Römers exaktem Dirigat in dem Werk den feierlichen, machtvollen Grundton. Hier regieren Glanz und Gloria. Sicher, konzentriert und klangschön erschließen Kantorei und Orchester mit intensiver Ausdruckskraft und enormer Direktheit plastisch das Werk. Die groß angelegte Architektur des Eingangschors oder die Decrescendi des „Juravit Dominus“ lassen Klanggemäuer und rhetorische Kräfte entstehen.
Aber auch die szenischen Kräfte, die im Coro „Dominus a dextris tuis“ ausgedehnt werden, steigern sich zu monu mentalen Klanggebilden. Besonders beeindruckt der letzte Satz mit der Schlussfuge. Die Choristen zeigen nochmals ihr großes Gespür für Satztechnik, klare Stimmeinsätze, Intonationsstärke und Stilsicherheit. Ein homogener Klangkörper auf hohem Niveau.
Das Vokalsolistenquintett hingegen könnte kaum unterschiedlicher sein. Die klare, große Stimme der Sopranistin Helen Rohrbach kann man sich bestens auf großen Opernbühnen vorstellen. In den Händelpartien hingegen dominiert sie massiv. Besonders deutlich wird dies, als sie mit dem Tenor Immo Schröder das Duett des Anthems „O sing unto the Lord“ interpretiert.
Die Sopranistin Andrea Schäl fügt sich geschmeidig, schlicht-schönen Tones in den Satz „De torrente in via bibet“ des „Dixit Dominus“. Leider bricht auch hier Helen Rohrbach in opernhafter Manier das barocke Klangbild. Überzeugen kann der Altus Christian Rohrbach dank seiner transparenten Klangbögen in der Arie „Virgam virtutis tuae“. Doch insgesamt fehlt es dem Quintett, zu dem ferner die kraftvolle Stimme des Baritons Torsten Goedde gehört, am gemeinsamen künstlerischen, homogenen Nenner. Birgit Jürgens

HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG 25.10.2016

Aus Dur wird Moll

Bernhard Römer spielt Bach und Reger in St. Andreas

HILDESHEIM. Was wurde nicht schon alles über Tonarten-Charakteristiken geschrieben. Zwischen hell und dunkel, heiter und wolkig, himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt reichen die Assoziationen verschiedener Autoren. Andreasorganist Bernhard Römer hat am Sonntag in der St.-Andreas-Kirche in der Reihe „Mit Reger durch das (Kirchen-jahr)“die Tonarten D-Dur und d-Moll unter die künstlerische Lupe genommen.
An der großen Beckerath-Orgelpräsentiert Römer im Wechsel Werke von Johann Sebastian Bach und Max Reger und stellt sie in Kontexte der Wechselbäder der Tonarten-Charakteristik. Das Rauschende, Glänzende, Triumphale und Heitere der D-Dur-Tonart steht gegen das Ernste, Klagende und Traurige der d-Moll-Tonart.
Von den D-Dur-Werken beeindruckt besonders die Interpretation der Fuge aus Bachs Werkpaar Präludium und Fuge D-Dur (BWV 532). Die Üppigkeit des Satzes mit seinen sprudelnden Spielthemen und die satztechnischen Raffinessen strahlen in Römers Spiel. Die konventionellen Elemente, die Bach in dieser viel-fältigen und wuchtigen Komposition fantastisch ausfeilte, gehen im Spiel des Andreasorganisten konzentriert und ausdrucksstark auf. Ein qualitätsvolles Spiel voller Kurzweil und Schwung.
Bachs Concerto d-Moll (BWV 596) nach dem Concerto d-Moll für zwei Violinen, Streicher und Basso continuo von Antonio Vivaldi (op. 3Nr. 2/RV565) überträgt Römer leger auf die Orgel. Der Musiker entwickelt das thematische Material differenziert und überträgt die virtuosen Figuren und Imitationen der schnellen Sätze strukturiert und durchsichtig auf das Instrument.
Bei Reger hingegen hängen selbst in den Dur-Werken des Abends die Moll-Schatten schwer und lastendüber dem Notentext. Aus Dur wird Moll. In der Toccata und Fuge d-Moll und D-Dur (op. 59 Nr.5und 6) setzt Römer auf den Schwung der Toccata. Energisch stehen im A-Teil die dramatischen Töne felsenfest im Kirchenraum, bevor im Mittelteil der Hauch zarter, inniger Momente erblühen kann.
Insgesamt gelingt es Römer in den Reger-Werken, die kraftvollen, lebhaften Klänge, aber auch die weichen Zwischentöne und die nahezu zerbrechlich wirken-den Pianissimo-Sequenzen in Einklang zu bringen. Die künstlerische und spiel-technische Meisterschaft, die Regers Musik fordert, verschmilzt in Römers Spiel optimal, auch weil der Organist den Überblick behält.
So wird das abschließende Werk, Regers Fantasie und Fuge d-Moll (op. 135 b), zu einem Hörerlebnis, das im Höhe-punkt der Doppelfuge gipfelt. Die massigen Harmonien gehen ungetrübt im Kirchenraum auf. Für Römer bilden Virtuosität und Differenzierungsvermögen eine Größe. Der Künstler interpretiert Fantasie und Fuge d-Moll unaffektiert und in Registrierungen, die die Kontraste schwebender Passagen genauso aufleben lassen wie massive Klangschauer. Doch außer der durchdachten und weitblickenden Interpretationskunst Römers steht auch die Tatsache fest, dass der Organist „seinem“ imposanten Instrument unbedingt die zweite Hauptrolle zuspricht.
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG 27.09.2016

Aus Moll wird Dur

Karfreitag_2016
Foto: Moras

Passionskonzert in Andreaskirche mit Werken von Max Reger und Sigfrid Karg-Elert

Hildesheim. Angenehm still war es in der Andreaskirche, als draußen die Glocken zu läuten beginnen. Das Tageslicht drang trotz des milden Regens in das Kirchenschiff. Zur Sterbestunde Jesu, am gestrigen Karfreitag um 15 Uhr, hat die St.-Andreas- Kantorei unter Bernhard Römer mit Solisten und Instrumentalisten ein einstündiges Passionskonzert gegeben. Mit Werken von Max Reger und Sigfrid Karg- Elert beleuchtete es musikalisch die Bedeutung des Osterfestes, wies auf die Auferstehung Christi voraus und läutete damit Ostern ein.

Das Konzert gehört in die Reihe „Mit Reger durch das Kirchenjahr“, mit der Römer diesen Komponisten der frühen Moderne das ganze Jahr über ehrt: Regers Todestag jährt sich am 11. Mai zum hundertsten Mal.

Reger und Elert – die ersten Töne, die aus der Stille erklangen, sagten dem Hörer, dass er keine allzu leichte musikalische Kost an diesem Karfreitag zu erwarten habe. Doch als das geistliche Lied „Meine Seele ist still zu Gott“ für Alt und Orgel (Gesine Frank und Georg Oberauer), das „Largo“ aus der „Suite im alten Stil“ für Violine (Ladislaus Kosak) und Orgel sowie ein weiteres geistliches Lied für Alt und Orgel „O Herre Gott, nimm Du von mir“ verklungen waren, steuerte das Konzert mit Regers Version der Choralkantate „O Haupt voll Blut und Wunden“ auf einen ersten Höhepunkt zu. In den zehn Strophen wechseln sich Alt, Sopran (Andrea Schäl) und der Chor ab. Für reiche instrumentale Farben sorgen Violine und Oboe, die sich zur Orgel gesellen. Ein sehr komplexes Werk also, das durch die starken Chorpassagen zugleich spannend und dramatisch ist.

Der Chor steht in dem Werk für die gesamte Menschheit. Er singt Sätze, die jeder einzelne Mensch für sich denken oder sagen könnte. Zum Schluss steht der Gedanke, dass der Mensch im eigenen Tod Kraft finden kann durch die Erinnerung daran, dass selbst Gott in Form von Jesus den Tod durchlebt und überwunden hat zugunsten des ewigen Lebens – der Kerngedanke des Osterfestes. „Wer so stirbt, der stirbt wohl“ heißt es in Strophe zehn – und die Musik wendet sich von Moll in einen Dur-Akkord.

Das letzte Drittel des Konzerts ist Sigfrid Karg-Elert (1877 – 1933) gewidmet, einem Zeitgenossen Regers, dessen Werke einen größeren Raum im Konzert hätten einnehmen dürfen. Seine Passionskanzone „Die Grablegung Christi“ für Sopran, Chor, Oboe/Englischhorn und Orgel kommt zwar expressionistisch, aber doch bildhaft daher: Im zweiten der drei Teile erzählt der Sopran in teils spitzen Tönen die Grablegung Christi. Der dritte Teil gehört dem sehr kraftvollen A-cappella-Chor, der erneut das Positive an Jesu Tod für die Menschen besingt: „Auferstehung, Licht und Leben.“

In diesem Sinne wies das Karfreitagskonzert auf das kommende Osterfest hin und war somit eine Stunde der Besinnung vor dem fröhlichen Treiben, die den eigentlichen Sinn des Feierns in Erinnerung rief. Janine Ak

HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG 26.03.2016

Ein Klangkrimi zum 50. Geburtstag

Abschlusskonzert in St.-Andreas-Kirche: Beckerath-Orgel wird von 450 Gästen gefeiert

Hildesheim. Sie jubiliert und singt in allen Lagen und kennt auch den Sinn fürs Herbe, Derbe und Komische: die imposante von-Beckerath-Orgel der St.-Andreaskirche. Die Orgel mit ihren 4734 Pfeifen und 63 Registern zählt zu den größten Instrumenten in Norddeutschland. Zum 50. Geburtstag der Königin der Instrumente feierte die Orgel mit Andreaskantor Bernhard Römer und dem Folkwang-Kammerorchester Essen unter der Leitung von Gottfried von der Goltz den runden Ehrentag.

Im Zentrum standen das populäre Konzert g-Moll für Orgel, Streicher und Pauken von Francis Poulenc und Karl Hoyers sehr selten gespieltes Concertino im alten Stil (op. 20) für Orgel und Streichorchester. Doch auch Streichersinfonien von Carl Philipp Emanuel Bach und Felix Mendelssohn Bartholdy zählten zu den Geburtstagsgeschenken.

In Carl Philipp Emanuel Bachs einleitender Sinfonie für Streicher G-Dur (WQ 182/1) ließ das frisch und klar aufspielende Folkwang-Kammerorchester Essen in den raschen Sätzen bereits kräftig die Korken knallen. Eine perlende, brillante Begrüßung von der Empore. Hier wurden schöne Phrasierungen, Esprit und zündende Einfälle zur delikaten Vorspeise.

Stilsicherheit und Fantasie standen im Konzert an erster Stelle. Besonders in den Werken mit Orgel mischten sich Klangvielfalt und ausgefeilte Dialoge zu einer Vielfalt voller verblüffender Einfälle. Das Konzert des Max Reger-Studenten Hoyer blieb die Entdeckung des Abends.

Die romantischen Momente, eingefasst in barocke Concerto-Grosso-Form, gingen meisterhaft im gesanglichen Grundtenor des Stücks auf. Die rhythmischen Finessen und die überraschenden harmonischen und humorvollen Wendungen spielten sich der Solist Römer und das Orchester effektvoll und feinsinnig zu. Die Dialoge zwischen dem Organisten und dem schön geformten Ton der Konzertmeisterin Zuzana Schmitz-Kulanova veredelten zudem eindrucksvoll den langsamen Satz des Hoyer-Konzerts. Ein bedeutendes, anspruchsvolles Werk, das zündete.

Nach der Pause mit Jubiläumswein, Sekt und Selters entfachte auf der Orgelempore das finale Feuerwerk. Poulencs 1938 komponiertes Orgelkonzert fassten die Interpreten unter Gottfried von der Goltz’ mitreißender Leitung zu einem Klangkrimi zusammen. Der Dirigent, der unter anderem künstlerischer Leiter des Freiburger Barockorchesters ist, packte auch hier musikantisch zu.

Die Stimmungsschwankungen und emotionalen Gewitter, die durch das einsätzige Konzert wirbelten, wühlten auf. Zwischen musikalischer, mitunter grotesk anmutender Schwere, Zirkus-und Jahrmarktsluft und tänzerischer Leichtigkeit bewegten sich die Künstler auf diesem bunten Klangteppich. Römer nahm die pulsierende Rhythmik und das geladene Gemisch spannungsstark auf. Mit Verve, Akkuratesse und Klangsinn ging der Organist mit dem Orchester durch das herausfordernde Stück. Vielgestaltige Orgelregistrierungen, sphärisches Orchesterflüstern, markantes Staccato oder auch die leisen bis aufpeitschenden Paukenschläge von Vitali Müller sprühten funkenreich durch den Kirchenraum. Ein Hochgenuss für die 450 Konzertbesucher zum Schluss des Festes. Birgit Jürgens

 

HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG 02.02.2016

Warum der Elefant nie in der Show war

„Karneval der Tiere“ verwandelt die Andreaskirche in einen Dschungel

Hildesheim. Ein bisschen traurig ist der Elefant. Nie darf er an einer Quizshow im Fernsehen teilnehmen. Dabei kann doch niemand so gut wie er sich Dinge einprägen. Der Elefant vergisst nämlich nie etwas, „auch keine Telefonnummern, die längst ungültig geworden sind“.

So erzählt es am Silvesterabend in der Andreaskirche Moritz Nikolaus Koch, 1977 in Heidelberg geboren und mittlerweile Schauspieler am TfN. Den „Karneval der Tiere“ hat er gemeinsam mit Organist und St.-Andreas-Kantor Bernhard Römer sowie dem in Slowenien geborenen Jernej Mazej, ebenfalls Organist, inszeniert. Auf die kleinen, von Koch gelesenen Texte folgt die musikalische Interpretation des Themas beziehungsweise des Tieres: Ein dumpfes Grollen kündigt den Elefanten mit seiner massigen physischen Präsenz an. Man sieht etwas Riesiges auf sich zukommen. Dann aber werden die dunklen Töne von heller, zarter Musik umspielt. Der Elefant ist groß, aber freundlich.

Nach diesem Prinzip stellen die beiden Organisten nach Kochs kleinen Geschichten den ganzen Dschungel vor: die Löwen mit einem majestätischen Marsch, die Hennen mit abgehackten Akkorden, die Schildkröten mit getragenen Lauten und das Känguruh, ein „australischer Austauschstudent“, mit flinken, leichten, sprunghaften Läufen.

Erstaunlich, wie wandelbar und unkonventionell sie ihre Instrumente einbringen und wie deutlich der jeweilige Charakter der Tiere zum Tragen kommt.

Das Publikum in der Andreaskirche erlebt an diesem Abend alle Klangmöglichkeiten der großen Beckerath- Orgel und gleichzeitig die Artenvielfalt der Tierwelt.

Ob es aus wissenschaftlicher Sicht immer ganz korrekt zugeht und ein Kuckuck oder Hühner tatsächlich im Dschungel anzutreffen sind, sei mal dahingestellt.

Schließlich wurde der „Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saëns im Januar 1886 ja auch nicht in Afrika komponiert, sondern in einem kleinen österreichischen Dorf. Und dann erzählt das Trio auch noch die abenteuerliche Geschichte vom mutigen Peter, mit dessen Hilfe der Wolf im Zoo ein neues Zuhause findet. Das musikalische Märchen von Sergej Prokofiew, das Generationen von Kindern begeistert hat, ist 1936 entstanden, feiert also bereits sein 80-jähriges Bühnenjubiläum.

Das hört man ihm gar nicht an. Munter und beschwingt gelingt diese Aufführung, die wiederum Erzählerstimme und Organisten in einem perfekt ausgeglichenen Verhältnis zusammenbringt. Die berühmte Geschichte wird auf diese Weise nie langweilig oder unverständlich, ganz im Gegenteil: Den Text intonieren Römer und Mazej in einer Deutlichkeit und Plastizität, die man dem konventionellen Orgelspiel gar nicht zugetraut hätte.

Das ist unterhaltsam und sehr beeindruckend und eine wunderbare Abschlussfeier für das nun fast vergangene Jahr.

So kann das neue auch gern beginnen: mit viel Gehalt und Genuss, dabei mit so leichter Hand dargeboten, dass man die Arbeit an der Inszenierung ganz und gar vergisst.

Der Einzige, der nichts vergisst, ist der Elefant. Und er weiß sich zu trösten: Auch wenn er nie bei einem Quiz mitmachen darf, ist er doch ganz glücklich, hier im Dschungel, zwischen all den anderen Tieren.

Denn mal ehrlich, selbst wenn er mit seinem Wissen alle Preise der Welt gewinnen würde: Was sollte er mit einer Reise nach Tahiti für zwei Personen? Oder mit einer Waschmaschine? Was er wirklich braucht, das hat er längst. Kathi Flau

HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG 02.01.2016

Singen mitten im Lärm der Welt

Konzert des Kammerchors zum 25-jährigen Bestehen

Hildesheim. Am selben Ort zur gleichen Zeit: Am 17. November 1990 gab der damals neu gegründete Kammerchor St. Andreas sein erstes Konzert in der Klosterkirche Marienrode. Nun, zum 25. Geburtstag, hat der Chor sich selber beschenkt mit einem Konzert am selben Ort, fast auf den Tag genau und – mit demselben Programm. Und das kann sich auch nach so langer Zeit hören lassen, gibt Zeugnis von der Qualität des auf A-cappella-Werke spezialisierten Ensembles, auch, wenn im Altarraum bei diesem Konzert viele andere standen als damals.

Drei fünfstimmige geistliche Madrigale des Komponisten Johann Hermann Schein aus seinem „Israelsbrünnlein“ von 1623 stehen am Beginn des einstündigen Konzerts. Beim ersten, „Wende dich, Herr, und sei mir gnädig“, scheinen die Stimmen geradezu im Kirchenraum zu schweben, sich zu überblenden. Die Klosterkirche ist voll besetzt; wer spät kommt, muss stehen.

Nach „Die mit Tränen säen“ folgt schließlich „Unser Leben währet siebnzig Jahr“, ein Memento mori: Das Leben „fähret schnell dahin, als flögen wir davon“, heißt es darin. Die Musik dazu klingt ganz leicht und heiter. Die reinen Einzelstimmen des Kammerchors fügen sich dabei wie Puzzleteile zu einem Ganzen und ergeben ein raumgreifendes Klangbild. Andreaskantor Bernhard Römer, Gründer des Chors, leitet seine 25 Sänger mit klaren, großen Gesten. Für den historischen Originalklang sorgen Georg Oberauer (Orgelcontinuo), Irmelin Heiseke an der Violone und Dennis Götte an der Theorbe.

Nach diesem ersten Gesangsblock wechselt Bernhard Römer aus dem Altarraum auf die Orgelempore und interpretiert Nicolaus Bruhns getragenes „Präludium in e“ und Johann Sebastian Bachs „Präludium und Fuge a-Moll“, das sich nach der für den Komponisten typischen Gleichmäßigkeit gegen Ende düster steigert – während draußen vor der Kirche passenderweise der Wind heult und der Regen peitscht.

Schluss- und Höhepunkt bildete schließlich Bachs Motette für fünfstimmigen Chor „Jesu, meine Freude“, deren Text eine ergreifende Aktualität birgt und den Glauben und die Musik als Ruhepol für den Menschen in unruhigen Zeiten benennt. In der fünften der insgesamt elf Strophen heißt es: „Trotz dem alten Drachen, Trotz des Todes Rachen, Trotz der Furcht darzu! Tobe Welt, und springe, ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh.“ Ein schöneres Statement für die Kunst und für den Chorgesang kann es wohl kaum geben. Vor 25 Jahren und heute erst recht. Janine Ak

HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG 17.11.2015

Heilige Kuh und huschende Maus

Für den Kammerchor Hildesheim schließt sich nach 25 Jahren ein Kreis

Hildesheim. Da schließt sich ein Kreis: Der Kammerchor Hildesheim kehrt an den Ort zurück, an dem er vor 25 Jahren sein erstes Konzert gegeben hat: die Klosterkirche Marienrode. Für Bernhard Römer, den Gründer und Leiter des Ensembles, ist das ein weiteres Zeichen der gelebten Ökumene: Der Chor, der an der evangelisch-lutherischen Stadtkirche beheimatet ist, erfährt Gastfreundschaft in der katholischen Klosterkirche.

Der Kreis schließt sich auch, weil der Chor unter Römers Leitung dasselbe Programm singt wie bei seinem ersten öffentlichen Auftritt: Motetten von Johann Sebastian Bach („Jesu, meine Freude“) und Johann Hermann Schein (aus: „Israelsbrünnlein“). Außerdem spielt Römer Orgelwerke von Johann Sebastian Bach, Nicolaus Bruhns und Johann Pachelbel.

Bianca Strutz gehört dem Kammerchor Hildesheim seit 2013 an. Sie hat vorher bereits in der St.-Andreas-Kantorei gesungen, die Römer bei seinem Amtsantritt als Kantor und Organist an der St.-Andreas-Kirche 1989 von seinem Vorgänger Reinhold Brunnert übernommen hat. Die Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Deutsche Sprache und Literatur der Universität hatte „Lust auf noch mehr Musik“, und zwar in einem Ensemble, das sich besonders der A-cappella-Musik aller Epochen annimmt. Und zwar über das hinaus, „was in einer gut geschulten Kantorei möglich ist“, wie es Römer formuliert. Voraussetzungen zum Mitsingen im Kammerchor sind Chorerfahrung sowie die Bereitschaft und die Fähigkeit, auch anspruchsvolle Werke in verhältnismäßig kurzer Zeit zu erarbeiten.

Proben sind alle 14 Tage am Freitagabend. Schon dieser Termin bietet die Gewähr, dass nur Sänger im Kammerchor mitwirken, denen die Sache wichtig ist. Und an dem Termin wird Römer auch nicht rütteln: „Das ist eine heilige Kuh.“ Begonnen hat er vor 25 Jahren mit 17/18 Sängern, damals war der Kammerchor Teil der Kantorei. Heute gehören dem Ensemble 21 Sänger an, und – was keine Selbstverständlichkeit ist: Es herrscht weitgehend Ausgeglichenheit zwischen Frauen- und Männerstimmen. „Ich wollte ein Ensemble haben, das flexibel agieren kann“, war vor 25 Jahren Römers Intention, den Kammerchor ins Leben zu rufen. Für die Aufnahme im Kammerchor sind erforderlich „selbständiger Umgang mit den Noten, eine schöne Stimme und die Bereitschaft, die Stücke in kurzer Zeit zu erarbeiten“, sagt Römer. Für das nächste Jahr „bestimmt Max Reger das Programm“, der 1916 gestorben ist.

Römer ist es „ganz wichtig, dass man das Publikum erreicht“. Das ist ihm und den Seinen gelungen. In Hildesheim, ganz Deutschland und auch in Südengland, „als wir Hildesheims Partnerstadt Weston-super-Mare besuchten und dabei sechs Konzerte in zehn Tagen gaben, darunter in so berühmten Kathedralen wie Canterbury, Salisbury und Winchester“. Wobei es in England auch heilige Tiere zu geben scheint, huschte doch bei den Proben den Choristen eine Maus zwischen den Beinen hindurch...

Besonderen Eindruck hinterließ 2002 bis 2004 ein Choraustausch mit dem französischen Ensemble Proscenium aus Rouen. Die Choristen hatten für ein dreijähriges Projekt Werke deutscher und französischer Barockkomponisten erarbeitet, die sie gemeinsam in beiden Ländern aufführten.

Der Kammerchor hat in den vergangenen 25 Jahren beachtliche 125 Konzerte, zwei CD- sowie Rundfunkaufnahmen absolviert. Inzwischen kann Römer auch darüber lachen, dass bei der Rundfunkaufnahme der „Weihnachtsgeschichte“ von Hugo Distler in der Christuskirche die Heizkollektoren knackten. „Das machte einige schön gesungene Passagen zunichte und wurde für Tonmeister und Choristen zu einer Geduldsprobe“, erzählt er. Konzerte und Aufnahmen haben – bei aller Anstrengung – einen Nebeneffekt: Es gibt eine starke Bindung der Choristen untereinander und zu ihrem Leiter. „Wir gehören auch menschlich zusammen“, sagt Römer.

Seit der Gründung des Chors hat sich die personelle Besetzung mehrfach geändert. Ein Sänger ist jedoch von Anfang an dabei: Volker Kretschmer. Der heute 52-jährige Tenor ist der Kirchenmusik an St. Andreas schon von Kindesbeinen an verbunden. „Ich habe schon im Kinderchor von Reinhold Brunnert mitgesungen“, erzählt er. „St. Andreas ist für mich fast eine zweite Heimat geworden. Deshalb engagiere ich mich auch als Vorsitzender im Kirchenvorstand der Gemeinde.“

Für Bianca Strutz hat das Singen im Kammerchor auch noch etwas gebracht, was das ganze Leben anhalten dürfte: „Ich habe meine Liebe zu Bach entdeckt.“ Andreas Bode

HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG 11.11.2015

Fanny sagt, wo’s lang geht

Rose und Meer: Zehnte Romantische Nacht begeistert mit „Best of“

Hildesheim. „Aus Rücksicht auf die Instrumente sollten sie wegen der Kühle der Nacht nicht im Freien musizieren“. Das habe Fanny Hensel ihrem Bruder Felix Mendelssohn Bartholdy auf dem Hildesheimer Markt zugeflüstert, erzählt augenzwinkernd Bernhard Römer bei seiner Begrüßung zur zehnten Romantischen Nacht. Man treffe sich also zum Schluss wieder in der Andreaskirche statt wie vorgesehen open-air auf dem Marktplatz.
Mendelssohns 2. Sinfonie, dem so genannten Lobgesang, geriet Römer zum großartigen Auftakt. Der Andreaskantor bereitete dem Publikum damit eine erfreut aufgenommene Wiederbegegnung: Zur zehnten Romantischen Nacht sollte es ein „The Best of…“ aus früheren Programmen geben. Und dass dieses chorsymphonische Meisterwerk nicht nur zu den „Best of“ vergangener romantischer Nächte gehörte, sondern auch eine der besten Kompositionen Mendelssohns ist, bewies die mächtige Schar der Ausführenden mit ihrer Interpretation.
Römer sammelte unter sein Dirigat das Göttinger Symphonie Orchester, die Sopranistinnen Isabell Bringmann und Sabine Petter, den Tenor Thomas Blondelle und „seine“ St. Andreaskantorei zu einem gewaltigen Klangkörper, der neben den fast überbordenden Forte- Stellen auch sensible Piano-Takte schwingen ließ. Insgesamt gab Römer mit dieser Aufführung ein bewegendes musikalisch-theologisches Statement ab zur Spannung des Menschen zwischen Angst und Freude und zwischen Dunkelheit und Licht. Mendelssohn hat zu beidem im wahrsten Sinne des Wortes Erleuchtendes geschrieben.
Nach dem Auftakt dann die große Frage: „Wohin als nächstes?“ Zweimal verzweigten sich die Wege durch die sommerliche Innenstadt zu jeweils vier gleichzeitigen Halbstunden-Angeboten. Tenor Thomas Blondelle, sensibel begleitet von Christopher Hein, bereitete im Rathaussaal mit Rosenliedern dem Publikum eine Sternstunde. Es sang begeisternd, moderierte witzig und wurde gefeiert. Am selben Ort würdigte eine Runde später Isabella Bringmann in Liedern von Schubert, Schumann, Wolf und Berg mit ihrer hohen Liedkunst erneut die Rose. Leif Klinkhardt war ein ebenbürtiger und kundiger Begleiter am Klavier. Penetrantes Musikgewummere vom Beach vor dem Rathaus trübte allerdings die Hörfreude. Ein bisschen zu viel Event an einem Ort.
Das Literaturhaus St. Jakobi empfing mit stimmungsvoll inszenierter Meeres- Atmosphäre zu Heinrich Heines vielschichtiger Nordseelyrik, mal anrührend leise, dann wieder temperamentvoll kräftig rezitiert von Michaela Allendorf. Bleibt allerdings die Frage, ob diese Lyrik nicht eher eine Männerstimme verlangt. Eigenständiger Part dabei die Cello- Musik der 1964 geborenen Regine Brunke, mit herrlichem Celloton präsentiert von Martin Fritz.
Ganz in ihrem Element waren Bernhard Römer und seine beiden Vokal-Ensembles bei den A-capella-Programmen. Im Dom zeigte sich die Kantorei als gestaltungskräftiges Ensemble bei den großen Mendelssohn-Motetten und vereinte sich auch mit dem Organisten Georg Oberauer und der einfühlsam gestaltenden Sopranistin Sabine Petter. Im fliegenden Wechsel dann derselbe Dirigent in seiner Heimatkirche mit dem niveauvoll und reich an warmem Klang singenden Kammerchor ebenfalls mit Rosenliedern von der Renaissance bis zur Moderne.
Die Freunde großer französischer Orgelmusik konnten sowohl im Dom als auch in der Andreaskirche genießen. In letzterer kamen – getreu dem Votum Mendelssohns und seiner Schwester – eine halbe Stunde vor Mitternacht wieder hunderte von Menschen in den festlich illuminierten Kirchenraum, um noch einmal das Göttinger Symphonieorchester mit zwei zauberhaften Werken von Mendelssohn zu erleben. Bei der Ouvertüre zum Märchen von der schönen Melusine entführte die Musik mit wunderbar gespielten Holzbläser-Soli und wogendem Streicherklang in die Wasserwelt der Meerjungfrau, die an Land eine liebende Seele sucht, die sie erlöst.
Als populärer Schlusspunkt dann Mendelssohns Musik zu Shakespeares „Sommernachtstraum“. Dirigent Römer verlangte flotte Tempi, die das Orchester routiniert umsetzte. Dass dabei die filigranen Streicherfiguren der Ouvertüre, die das nächtlich umherschwirrende Gespinst der Elfenwelt malen wollen, hier und da im Ungefähren blieben, ist dem riesigen Kirchenraum geschuldet, der dieser Musik nicht immer entgegenkommen will. Das aber kennt man von ähnlichen Konzerten an diesem wunderbaren Ort und ist gerne zu Kompromissen beim Hören bereit.
Der begeistert aufbrandende Beifall zum Schluss der Jubiläumsnacht galt dann vor allem Bernhard Römer. Es war auch ein Zeichen der Dankbarkeit für die immense Arbeit, die dieser einzigartigen Hildesheimer Kulturspezialität ein wahres Festspiel-Flair verliehen hat.
Claus-Ulrich Heinke

HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG 13.07.2015

Der ungeheure Schrei nach Frieden

War Requiem
Zum „War Requiem“ vereinten sich die Innenstadtkantoreien und die Mädchenkantorei des Mariendoms unter der Gesamtleitung von Bernhard Römer. Foto: Gossmann

Exzellente Interpretation von Benjamin Brittens „War Requiem“ in der St.-Andreas-Kirche

Es herrschte ergriffene Stille, nachdem der Schluss des „War Requiems“ von Benjamin Britten in tröstendem Dur verklungen war. Bernhard Römer, der die Gesamtleitung hatte, mochte die Hände gar nicht sinken lassen. Und von den Zuhörern in der voll besetzten St.-Andreas-Kirche wagte keiner zu atmen. Die Spannung, die die so ans Innerste gehende Interpretation des Werks aufgebaut hatte, vermochte sich nur langsam zu lösen.
So war denn die Aufführung des „War Requiems“ nicht nur ein würdiges Gedenken an die Zerstörung Hildesheims vor 70 Jahren. Das Werk ist ja auch ein flammender Aufruf zur Versöhnung, ein Schrei nach Frieden. Das machen nicht allein die Texte deutlich, der Text der Totenmesse und Gedichte von Wilfried Owen. Das zeigte sich auch in der Besetzung der solistischen Partien mit Sängern aus den Ländern der Gegner im Zweiten Weltkrieg. So hatte es der Komponist für die Uraufführung 1962 vorgesehen, und so erlebten es die Besucher in St. Andreas.
Die Aufführung vereinte darüber hinaus die Innenstadtkantoreien St. Andreas (Leitung: Bernhard Römer), St. Lamberti (Leitung: Helge Metzner) und St. Michael (Leitung: Hans-Joachim Rolf) von evangelischer Seite sowie die Mädchenkantorei des (katholischen) Mariendoms, und auch der Organist Georg Oberauer gehört zum Dom. Insofern setzte die Aufführung quasi nebenbei und selbstverständlich einen ökumenischen Akzent. Es gelang eine ungeheuer intensive Aufführung. Da referierte keiner der Sänger und keiner der Instrumentalisten der Philharmonie Südwestfalen sowie des Kammerorchesters der Philharmonie Südwestfalen, das von Helge Metzner mit Präzision und Hingabe geleitet wurde, lediglich den Notentext. Die Innenstadtkantoreien, die von ihrem jeweiligen Leiter bestens vorbereitet worden waren, erwiesen sich unter Römers Dirigat nicht als Summe dreier Chöre, sondern als Einheit. Die über eine Spanne des musikalischen Ausdrucks vom Stammeln bis zum ungeheuren Schmerz verfügt. Gleichwohl ist da nichts Aufgesetztes, vielmehr ist diese Interpretation von allen Beteiligten zutiefst empfunden. Die Mädchenkantorei – die an Stelle des eigentlich von Britten vorgesehenen Knabenchors sang – zeigte sich als ein Ensemble von bester Qualität, einfühlsam, mit deutlicher Aussprache. Georg Oberauer musizierte seinen Part an der Orgel ausdrucksvoll.
Die drei Gesangssolisten Julia Sukmanova (Sopran), James Gilchrist (Tenor) und Martin Berner (Bariton) sangen sehr textausdeutend, voller Spannung, innig, verzweifelt, Hoffnung vermittelnd. Orchester und Kammerorchester musizierten souverän und klangvoll.
Bernhard Römer formte die Ensembles bewundernswert mit unaufdringlicher, aber deutlicher Gestik und klarem musikalischen Willen zu einer Einheit. Es gelang so eine exzellente Interpretation, die betroffen machte. Im Sinne von: Sie ging jeden der Zuhörer etwas an, rührte an sein Innerstes. Andreas Bode

HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG 24.03.2015

Geigerin verwandelt Klang in Geist

Rachel Harris zu Gast in der Taufkapelle von St. Andreas

Hildesheim. Die Atmosphäre passt zum guten Ton, das Instrument zu den Werken, und die Solistin verwandelt Klang in Geist. Die Geigerin Rachel Harris ist zu Gast in der bestens besuchten Taufkapelle der St.-Andreas-Kirche und gibt dem ausschließlich mit Kerzenlicht beleuchteten Raum einen besonders exquisiten Anstrich.
Die Musikerin, die 1975 im schwedischen Malmö geboren wurde, in Cardiff/ Wales, London, Trossingen und Würzburg Geige studierte und die 2007 das Ensemble Schirokko Hamburg gründete, spielt auf ihrer Barockvioline Werke „à Violino Solo“ von Johann Sebastian Bach, Georg Philipp Telemann und Johann Georg Pisendel.
In die teuflischen Fluten der raschen Sätze aus Pisendels Sonata à Violino Solo in a-Moll stürzt sich die Musikerin kultiviert und voller Energie. Die fingerbrecherisch schwere Literatur geht in intensiven Klangbögen auf. Harris’ Spiel packt, auch weil jeder Ton dieser virtuosen Literatur aus Akkorden, Doppelgriffen und bahnbrechenden Läufen brillant klar bleibt.
Diese Solosonate Pisendels, die viel zu selten gespielt wird und den Bach’schen Solwerken für Violine in nichts nachsteht, fasziniert.
Das Solistenfutter, das Bach mit seinen Sonaten und Partiten für Violine solo schuf, steht für Harris in der ersten Solosonate (BWV 1001) und der dritten Partita (BWV 1006) auf dem Spielplan. Den fantasievollen, rhapsodischen Eingangssatz der Sonate g-Moll mit seinen Akkorden, Verzierungen und geradezu verspielten Läufen gestaltet die Geigerin magisch dynamisch.
Harris’ Ton lebt von Schlankheit und Reinheit, ihre Artikulation ist vollkommen prägnant. Hier liegen selbst in schnellstem Tempo innere Ruhe und Souveränität im Spiel, und so kann die zarte Siciliana genauso durch den Raum schweben wie der explosive Schlusssatz. Wie aus dem Handgelenk geschüttelt zieht dabei die stille Macht der großen Töne durch die Kapelle.
Die Gestaltungsfreude, die Harris in das sprühende Preludio der strahlenden Partita E-Dur legt, fasziniert. Auch die Originalität bewegt, die die Gavotte en Rondeau und die ausgelassene Gigue am Schluss begleiten. Erneut geht es der Geigerin besonders um die Musik hinter den Noten. Harris erzählt Musik und setzt auch so diesen großen Kompositionen und Prüfsteinen für jeden Violinisten Denkmäler.
Und Telemann? Nun reicht seine Kunstfertigkeit jedenfalls aus heutiger Sicht nicht wirklich an die eines Bach oder auch Pisendel. Es sind eher die geordneten, glatten Bahnen, die Telemanns Fantasiefreuden kennzeichnen. Doch wie beschreibt Harris diese Solowerke für Violine? „Sie sind trotzdem schön.“ Und dass sie auch damit recht hat, hört man, als sie die Fantasia per il Violino senza Basso B-Dur (TWV 40:14) in spannungsgeladene Tonsprache übersetzt.
Wie gerne hätte man noch mehr gehört von dieser Barockgeigerin. Doch der kraftvolle Applaus bewegt die Musikerin leider nicht zu einer Zugabe. Das große Solo mit Rachel Harris ist vorbei. Die Geigerin knipst die Notenpultlampe aus. Und damit ist auch das Spiel zu Ende. Birgit Jürgens

HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG 26.02.2015

Königliches Flair in der Taufkapelle

100 Besucher genießen Konzertauftakt in St. Andreas bei einem internationalen Fest der Töne

Hildesheim. So kennt man sie, die Kammerkonzerte bei Kerzenschein in der Taufkapelle der St.-Andreas-Kirche: heimelige Atmosphäre, Kammermusik auf höchstem Niveau und stets ein Publikumsmagnet. Zum Konzertauftakt der Kirchenmusik an St. Andreas strömen allerdings so viele Musikhungrige in die Taufkapelle, dass bis wenige Sekunden vor Konzertbeginn Stühle hereingetragen werden. Zwar kann nicht jeder der 100 Besucher ein Programm in den Händen halten und einige Besucher müssen sogar stehen, doch die Musiker mit ihren auch königlichen Themen machen das wett.
Walter Buttkus (Flöte), Urara Oku (Violine), Carsten Jaspert (Violoncello) und Bernhard Römer (Cembalo) ziehen mit Triosonaten von Georg Philipp Telemann, Joachim Quantz und Johann Sebastian Bach bis in die königlichen Gefilde von Sanssouci.
Fortan spielen Anmut, tanzende Figuren, rhythmische Feuerwerke, aber ebenfalls die Kunst der Kontrapunktik Hauptrollen. Und auch Largo und Allegretto aus Carl Philipp Emanuel Bachs Triosonate d-Moll (Wq 145) stehen als Gastrollen als Zugaben auf dem Programm des Quartetts.
Strahlend geht Quantz’ Triosonate CDur für Flöte, Violine und Basso continuo in Wohlklang auf. Die Geigerin Oku, stellvertretende Konzertmeisterin des Staatsopernorchesters Hannover, veredelt elegant mit feinem, weichem Ton und federndem Bogenstrich die langsamen Sätze.
Und durch die virtuosen raschen Sätze schickt die Musikerin schillernde Feuerwerke. So lassen sich die Dialoge mit dem Flötisten sehr gut führen, obwohl sich Buttkus und Oku nicht immer in den Phrasierungen und dynamischen Vorstellungen ganz einig sind.
Doch die harmonische Grundstimmung bleibt gleichwohl erhalten, wozu auch der Cellist Jaspert von der NDR Radiophilharmonie sowie Andreaskantor Römer am Mietke-Cembalo entschieden beitragen. Insgesamt formen die Interpreten aus dem Stilreichtum der Musik von Quantz ein internationales Fest der Töne, das besonders Frankreich, Italien und Deutschland temperamentvoll oder auch leidenschaftlich hochleben lässt.
Friedrich der Große, Flötenschüler von Quantz, gab Johann Sebastian Bach das königliche Thema mit auf den Weg, das auch in der Triosonate c-Moll aus dem „Musicalischen Opfer“ (BWV 1079 Nr. 8) gehegt und gepflegt wird. Die Interpreten führen die hohen kunstvollen musikalischen Gespräche scharfsinnig und schaffen zudem besonders im zweiten Satz eine Kunst der Fuge mit allen Mitteln der Empfindsamkeit. Schließlich bedient sich Bach in der Sonate auch in Teilen des empfindsamen Stils seines Sohnes Carl Philipp Emanuel.
Glasklar strukturiert, musikalisch aufwühlend, trifft dieses Quartett den spezifischen Ton aus Zartgefühl und Einfühlungsvermögen, den der alte Bach 1747 in diese Triosonate legte.
Das Finale schließlich mit seiner rhythmisch komplizierten und scharfen Würze überziehen Buttkus, Oku, Jaspert und Römer mit dem königlichen Flair einer Jagd der Töne, die mitreißt. Birgit Jürgens

HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG 20.01.2015