HILDESHEIM. Bekannte Namen, bekannte Kompositionen stehen auf dem Programm der 21-jährigen Organistin Anna-Victoria Baltrusch. Werke von Johann Sebastian Bach, Nikolaus Bruhns, Felix Mendelssohn Bartholdy oder auch Jan Pieterszoon Sweelinck werden erklingen. Keineswegs leichte Kost, aber bekannte Tonschöpfungen. Dass die Organistin dazu allerdings noch „B-A-C-H, ‚Hommage à …‘" von Zsigmond Szathmary mit ins Programm nimmt, schmeckt offensichtlich nicht jedem Besucher.
Baltrusch ist Bundespreisträgerin in verschiedenen Kategorien beim Bundes-wettbewerb „Jugend musiziert". Seit dem Wintersemester 2008/2009 studiert sie an der Musikhochschule Freiburg im Breisgau die Hauptfächer Kirchenmusik und Klavier. Sie eröffnet das Konzert an der Beckerath-Orgel in der St.-Andreas-Kirche mit Bachs Fantasie und Fuge g-Moll (BWV 542). Und überzeugt bereits zu Beginn als sehr gute Solistin.
Dieses Werkpaar versteht die Künstlerin dramatisch, bewegt und transparent darzubieten. Der klare Aufbau der Fantasie in freie und gebundene Passagen geht hier in hellem Wohlklang auf. Und die Verzierungen oder auch „Orgelkoloraturen" gestaltet Baltrusch fantasiereich perlend, packend und immer durchsichtig. Die Fuge meistert die Interpretin schlicht und ebenso ausgelassen, und so entlockt die Organistin diesem Werkpaar insbesondere eines: Leidenschaft und Klarheit.
Rasant und machtvoll
Auch die Interpretation von Mendelssohn Bartholdys Orgelsonate B-Dur (op. 65 Nr. 4) überzeugt: Die Künstlerin präsentiert die rasanten Sechzehntelpassagen des Kopfsatzes elegant, machtvoll, festlich und nimmt diese Eigenschaften wieder auf im Schlusssatz, um mit diesem hellen, klangvollen Werk das Publikum zu entlassen.
Doch das reagiert nach dem Konzert teils mit gedämpfter Begeisterung, was eindeutig am vorletzten Werk des Abends liegt, an der Szathmary-Kompositon. Dessen „B-A-C-H, ‚Hommage à …‘" aus dem Jahr 1994 befremdet offenbar. Die grellen, blitzenden Klänge, die grollenden Fortefortissimi, die in Töne gesetzten Schreie, sind für viele Zuhörer sehr gewöhnungsbedürftig oder schier unverständlich.
Und so gehen nach der Darbietung zwar nur wenige. Aber die Verunsicherung ob dieser verfremdeten Klänge bleibt: Eine Dame ist nach dem Konzert unentschlossen, ob sie überhaupt aufgrund dieses einen Werks applaudieren solle. Eine weitere Konzertbesucherin empfindet das Werk als brutal und provokant. Aber Musik dürfe ja auch provozieren.
Und die Solistin? Sie stellt speziell auch mit dieser modernen, vertrackten Komposition ihre technischen und musikalischen Fähigkeiten unter Beweis. Und regt so überdies zur Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Werken an.
Dass auch die übrigen Kompositionen des Abends seinerzeit teilweise gar schrecklich modern klangen und zeitgenössisch waren, vergisst man vielleicht allzu oft. Birgit Jürgens
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG , Dienstag, 15. Juni 2010
HILDESHEIM. Dramatisch, feierlich, symbolisch, affektgeladen. Eine Tonsprache, die die Ausdrucksstärke des Textes mit der Musik vereint sowie Tradition mit neuem Stil. So kann Heinrich Schütz’ bahnbrechende Musik umrissen werden. Der Kammerchor Hildesheim an St. Andreas, Andreas Weller (Tenor) als Evangelist, Gregor Finke (Bass) als Christus, Solisten des Kammerchors, das vierköpfige Gambenconsort von Irmelin Heiseke, Dennis Götte (Theorbe) und Katariina Lukaczewski (Truhenorgel) unter der exakten Leitung von Andreaskantor Bernhard Römer setzten in der St.-Andreas-Kirche ins Zentrum der Auferstehungskompositionen Schütz’ „Auferstehungshistorie“ (SWV 50) aus dem Jahr 1623. Dieses erste und selten aufgeführte oratorische Werk des Komponisten erklang nun nach mehr als 20 Jahren wieder in Hildesheim.
Sowohl die Solisten als auch die Choristen und Instrumentalisten hinterließen einen tiefen Eindruck beim Publikum. Schon im ersten Konzertteil beeindruckten die Interpreten unter anderem mit der hell und transparent gestalteten zwölfstimmigen Motette in drei Chören „Haec est Dies“ von Michael Praetorius.
Die Interpretation der „Auferstehungshistorie“ beeindruckte besonders durch die feinnervig gestalteten dramatischen Steigerungen. So erhielten die sieben Teile der „Historia der fröhlichen und siegreichen Auferstehung unsers einigen Erlösers und Seligmachers Jesu Christi“ (so der Originaltitel) in jedem Abschnitt eine besondere Note.
Die veredelte Ausformung der kunstvollen Imitationen, die Wirkungsstärke der Dissonanzen oder die zahlreichen, oft überraschenden Ausflüge in entlegene Tonarten kamen vortrefflich an. Auch, weil das Zusammenspiel stets stimmte wie die Intonation und die Textverständlichkeit.
Finke fiel besonders durch seine kraftvolle Stimme auf. Seine Partien vertragen aber insgesamt größere und vielfältigere dynamische Abstufungen. Der Sänger widmet sich außer der Alten Musik dem romantischen Liedgut und der Oper.
Besonders hervorzuheben bleibt Weller, der seine Partien durchdacht, überwiegend schlanken, gleichwohl stets runden und sensibel gestalteten Tons interpretierte. Er durchdrang in den Rezitativen insbesondere in den melodischen kleineren Passagen den Text sinnfällig. Dabei setzte er auch Naturgewalten musikalisch poetisch frei („Und siehe, es geschah ein groß Erdbeben“). Weller, der zu den international gefragten Evangelisten und Oratoriensängern zählt, hat sich mit seiner Darbietung neuerlich in die Herzen des Hildesheimer Publikums gesungen. Auch im Schlusschor brillierte der Tenor als neunte Stimme durch glanzvolle und stimmstarke „Victoria“-Rufe.
Dieser doppelchörige Beschluss erfuhr durch die Instrumente und Sänger zudem zweifach prachtvolle Klangfülle: Der Schlusschor wurde nach dem starken Applaus der 200 Konzertbesucher als zusätzliches besonderes Ostergeschenk wiederholt. Birgit Jürgens
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG , Mittwoch, 07. April 2010
HILDESHEIM. Die Sonne hat sich bereits merklich gesenkt, aber sie schickt starke Strahlen durch die Buntglasfenster ins Kirchenschiff hinein, während Marek Rzepka singt: „Mache dich, mein Herze rein, ich will Jesum selbst begraben.“ Zu diesem Zeitpunkt liegen, inklusive Pause, bereits knappe drei Stunden Matthäuspassion hinter Ausführenden und Publikum – spätestens jetzt aber bricht einem das Herz.
Marek Rzepka schafft in dieser Arie einen Moment, der die Musik von Bachs größtem Oratorium geradezu sinnbildlich zusammenfasst. So traurig sind die Worte, so voller Trost diese Musik. Rzepkas Stimme nimmt eine Weichheit an, die berührt, gerade weil hier keinerlei Verzierungen nötig sind, weil alles schlicht und klar und einfach ist, von tiefer, reiner Innigkeit.
Eine Aufführung der Matthäuspassion ist natürlich immer ein Ereignis, und an diesem Karfreitag, kurz vor der Sterbestunde, ist die Schlange der Besucher, die vor den Türen der Michaeliskirche auf die wenigen freien Plätze hoffen, entsprechend lang. Wer es noch hineinschafft, hat Glück: Die Aufführung hält, was sie verspricht.
Unter der souverän sensiblen Leitung von Bernhard Römer zeigen sich die St.-Andreas-Kantorei ebenso wie der Knabenchor Hildesheim (Einstudierung: Wolfgang Volpers) machtvoll, samtig und von hoher Gestaltungsintensität, was wiederum in den zentralen Chorälen, etwa im „Wenn ich einmal soll scheiden“, zu besonders eindrücklicher Wirkung findet. Die Stimmen antworten einander in klarer Transparenz und geben auch den solistischen Passagen einzelner Chorsänger den nötigen Raum.
Das Barockorchester „L‘Arco“ aus Hannover schafft dabei eine angenehm spitze, zupackende Begleitung. Das Ensemble spielt historisch informiert, und so berückt etwa Irmelin Heisekes Original Gambe mit aufgerauter Schönheit, während Johan Christensson aufs Eindringlichste das „Geduld! Wenn mich falsche Zungen stechen!“ ausformt. Der schwedische Tenor gestaltet nicht nur seine Arien, sondern auch die Evangelistenpartie mit durchstechendem Timbre und höchster Intensität, kostet jeden Moment mit dramatischer Gereiztheit aus. Das mag arg effektvoll scheinen, tatsächlich aber führt gerade er das Konzert zu einer nie ablassenden Grundspannung.
Auch die anderen Solisten balancieren zwischen diesen Polen, zwischen Schlichtheit und mitreißender emotionaler Beteiligung, was nicht nur Samt Bass Rzepka immer wieder herausragend gut gelingt. Altistin Ulrike Mayer verleiht dem „Erbarme dich, mein Gott“, unterstützt von Christoph Heidemanns einfühlsamer Solovioline, eine geradezu überweltliche Wärme. Und der belgische Bass Tijl Faveyts bewältigt die Christus Partie mit Stärke und beeindruckend raumfüllender Kraft. Einzig Sopranistin Gabriele Hierdeis kann sich erst noch nicht so recht durchsetzen, versöhnt dann aber mit einem hinreißend zarten „Aus Liebe will mein Heiland sterben“.
Das ist dann wieder so ein überaus kostbarer Moment, der eine das Herz zerreißende und doch so tröstliche Musik in den tausendjährigen Kirchenraum dringen lässt und einem geradezu die Kehle zuschnürt. Am Ende erhebt sich das Publikum, applaudiert der Aufführung in anhaltender Ergriffenheit. „Mein Jesu, gute Nacht“, klingt nach, die Sonne steht noch tiefer, und die Kirchentüren öffnen sich erneut. St. Andreas Kantorei führt Bachs Matthäuspassion auf. André Mumot
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG , Dienstag, 06. April 2010
„Mir kommen auch schon mal die Tränen“
Die St.-Andreas-Kantorei führt am Karfreitag Bachs „Matthäus-Passion“ auf / Überraschender Besuch bei der Probe
HILDESHEIM. „War der bestellt?“, fragt ein Chorist aus der St.-Andreas-Kantorei hinterher ungläubig. Da hat der schwedische Tenor Johann Christensson seinen großen Auftritt im Gemeindesaal schon hinter sich. Es ist keine geplante Begegnung mit der Kantorei, sondern eine spontane – eine, die einer ganz normalen Chorprobe an einem ganz normalen Wochentag ein unerwartetes Glanzlicht aufsetzt.
Es ist Mittwoch, kurz nach 21 Uhr. Während draußen auf dem Kirchplatz ein paar Jugendliche ein Dosenbier nach dem anderen kreisen lassen, probt drinnen die St. Andreas Kantorei Bachs „Matthäus Passion“ für die Aufführung am morgigen Karfreitag in der St. Michaelis Kirche. Gerade stimmen die Sänger ein schwieriges Stück zum wiederholten Mal an, da öffnet sich plötzlich die Tür, und ein Unbekannter übernimmt das Rezitativ.
„Oh Schmerz! Hier zittert das gequälte Herz“, schmettert er zur Überraschung aller mit schöner, kraftvoller Tenorstimme. „Was ist die Ursach aller solcher Plagen“, hört man vereinzelte Stimmen tapfer weitersingen, die meisten schweigen verblüfft. „Lasst euch nicht stören, ich bin Johann, der Evangelist, aus Schweden“, sagt der Herr in Schwarz, als er merkt, dass sein Auftritt für Irritationen sorgt. Es verstärkt die fast schon absurde Situation noch, dass er – wie in Schweden üblich – die verdutzte Chorgemeinschaft duzt.
Nachdem sich herausgestellt hat, dass Christensson tatsächlich Solist der diesjährigen „Matthäus Passion“ der St. Andreas Kantorei ist, der – gerade aus Paris kommend – spontan „hereinschneit“, besteht die Chor darauf, dass er ein paar Minuten mitsingt. Noten wechseln den Besitzer, dann erklingt Bachs Musik über die Kreuzigungsgeschichte Jesu noch einmal: voller, vielstimmiger als zuvor. Sie habe zuerst auch nicht gewusst, wer der Fremde sei, gesteht später die 32 jährige Organistin Katariina Lukaczewski, die an diesem Abend Andreaskantor Bernhard Römer, vertritt. „Es hätte uns aber nichts Besseres passieren können, weil die Stelle ohne Solist viel schwieriger ist“, sagt sie. „Haben wir nicht noch einen Sopran vor der Tür, der mit uns üben will?“
So etwas habe er noch nie erlebt, sagt der 73 jährige Hermann Zuske später lachend. Er muss es eigentlich wissen. Seit mehr als fünfzig Jahren ist er „dabei“, zusammen mit seiner Frau, ebenfalls eine langjährige Choristin, hat er kürzlich „die 105 jährige Mitgliedschaft in der St. Andreas Kantorei“ gefeiert. Zuske liebte es schon als Junge zu singen. Instrumentalunterricht hatte er nicht, auch, weil das nach dem Krieg „einfach zu teuer war“. Aber in einem kleinen Kirchenchor sang er und in Konzerte ging er – und nachdem er Händels „Messias“ mit der Andreas Kantorei gehört hatte, war für ihn klar: „Da will ich hin“. Der frühere Volksschullehrer kann sich nicht mehr erinnern, wie oft er seitdem die „Matthäus Passion“ gesungen hat: „Mindestens fünf oder sechs Mal“. Üben muss er sie nicht mehr, der Tenor singt sie vom Blatt. Nervös wird er bei der morgigen Aufführung auch nicht sein, eher freudig gespannt.
Das gilt mit Einschränkungen auch für Claudia Krauss, eine Fachübersetzerin, die ihre erste „Matthäus Passion“ singt. Sie hat sich zwar extra eine CD gekauft, bei der ihre Stimme hervorgehoben ist, damit sie das Stück zu Hause üben kann. Und sie vermutet, dass sie vor dem Konzert aufgeregt sein wird. Aber wenn es losgeht, dann wird sie ruhig: „Dann fühlt man sich ganz aufgehoben in seiner Stimmgruppe.“ Als bewegende Musik mit „viel Action“ beschreibt die Altistin Bachs Vertonung der Passionsgeschichte. Für die konfessionslose 48 Jährige ist der morgige Auftritt vor allem ein Konzert.
Routinier Zuske dagegen empfindet es auch als sehr wichtig, die „Matthäus Passion“ am Karfreitag aufzuführen, und zwar zu einer für ein Konzert unüblichen Zeit, zur Sterbestunde Jesus Christi um 15 Uhr. „Hier hat die Passionsgeschichte ihren natürlichen Ort“, sagt er – und schwärmt von der Ausdrucksstärke der Bach’schen Musik. Bei dem gewaltigen Schlusschor könnten ihm „auch schon mal die Tränen kommen“.
Einer, der in diesem Jahr zu Ostern sogar zweimal im Konzert singen wird, ist Jan Haase, 53 Jahre alt, früher mal Cellostudent, jetzt Hausmann, Gelegenheitskraftfahrer und Ehemann von „Debütantin“ Claudia Krauss. Er ist nicht nur Mitglied im großen Chor, sondern auch im Kammerchor von St. Andreas – und für diesen hat sich Andreas Kantor Bernhard Römer, der beide Chöre leitet, etwas Besonderes ausgedacht. Zum ersten Mal in seiner 20 jährigen Amtszeit in Hildesheim führt er am Ostermontag die Auferstehungshistorie von Heinrich Schütz auf, die die Ostergeschichte erzählt. Jan Haase, der mit 13 Jahren in der St. Andreas Kantorei angefangen hat, betont neben der Leidenschaft für die Musik einen anderen Aspekt, der sein Chorleben prägt: „Ich singe hier schon so lange“, sagt er. „Das ist ein zweites Zuhause.“ Jutta Rinas
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG , Donnerstag, 01. April 2010
HILDESHEIM. Silvesterabend, Festlaune. Draußen knallt's lautstark. Das Fernsehen bietet wie üblich von „Dinner for One" bis hin zu André Rieus Schmalzeinlagen scheinbar für jeden etwas an. Was bleibt, sind ranzige Spuren auf klebrigen Böden. Alle Jahre wieder.
Wem das nicht behagte, der konnte auch dieses Jahr erneut festliche Klänge in der St.-Andreas-Kirche genießen. Diesmal hatte Andreaskantor Bernhard Römer den Trompeter Martin Weller eingeladen, die Silvestersoiree mit zu gestalten. Weller, Erster Solotrompeter und Orchestermanager des Staatsorchesters Braunschweig, Bildender Künstler und Lehrbeauftragter, gab zum Auftakt gemeinsam mit Römer ein zwar noch etwas heiseres Konzert D-Dur von Giuseppe Romanino. Doch anfänglich kleinere Trübungen schwanden. Und so zog alsdann das festliche „Feuerwerk für Trompete und Orgel" ein.
Johann Sebastian Bachs bearbeiteten Choral „Kommst du nun, Jesu, vom Himmel herunter" (BWV 650) meisterten die Interpreten beachtlich differenziert. Römer nahm seinen Part perlend leicht und flockig. Und Weller setzte zart auf der Trompete singend die schlichte Melodie in bewegende Töne. Die von Römer bearbeitete Fassung einer Sonate D-Dur von Arcangelo Corelli überzeugte gleichwohl. Der Trompeter bezauberte durch klare, schlanke und seidige Tongebungen. Römer rundete als Duopartner diese Klangspektren genau ab. So glänzten die Töne funkelnd am Notenfirmament wie dann nochmals ganz besonders in Stanley Weiners kompositorisch galanten bis skurrilen „Variationen über ein Thema von Jeremiah Clarke". Abgesehen vom erhabenen Thema kitzelten die Interpreten den komponierten Witz aus dem Notentext förmlich heraus. Weller kannte keine hörbaren Hürden. Leicht, locker sprang der Trompeter in die virtuos gespickten oder lyrisch veredelten Variationen. Der Musiker gestaltete runden Tons seine anspruchsvollen Partien und wählte selbst in markanten Passagen einen geschmeidigen Klang ohne Schärfe. Und Römer trat in die musikalisch sorgfältig ausgewählten Spuren, so dass das Gesamtgefüge hervorragend passte.
Der Organist gab solistisch unter anderem Bachs „Air" aus der Orchestersuite Nr. 3 D-Dur in der Bearbeitung von Ole Hesprich, der zahlreichen Hildesheimern noch aus seiner Zeit als Kantor an der Martin-Luther-Kirche von 1997-2002 bekannt sein dürfte. Römer holte so orchestrale Klänge in die Kirche. Abnutzungserscheinungen (dazu neigen derartige Klassik-Evergreens selbstverständlich) stellten sich zum Glück nicht ein. Vielmehr erstrahlte das Altbekannte reizvoll ohne Reizüberflutungen. Doch das Highlight der Orgelsolowerke präsentierte Römer, als er Alexandre Guilmants „Introduction et Allegro" aus der 1. Sonate d- Moll (op. 42) interpretierte. Diesen dunkel gefärbten Satz lud der Organist dramatisch stringent auf, bevor er sich im seichten Mittelteil poetisch der Tonsprache bediente. So entwickelten sich die kompositorisch angelegten Gegensätze zum poetisch durchfluteten Drama. Standing Ovations von den 700 Zuhörern für diese Silvestersoiree. Als Zugabe nochmals das „Trumpet Voluntary"-Thema. Ein erhabenes, stimmungsvoll festliches Feuerwerk. Birgit Jürgens
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG , Samstag, 02. Januar 2010
HILDESHEIM. Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium ganz oder zusammengefasst in zwei Teilen aufzuführen, wie es heute meist üblich ist, wäre zu dessen Zeiten unmöglich gewesen. Schließlich hatte der Komponist sein sechsteiliges Oratorium auf sechs Gottesdienste zwischen dem ersten Weihnachtsfeiertag und dem Dreikönigstag ausgerichtet. Doch die Zeiten ändern sich.
Unter der Leitung von Andreaskantor Bernhard Römer kam in zwei Konzerten am Sonntag in der St.-Andreas-Kirche die Gesamtaufführung dieses wohl berühmtesten Werks Bachs zur Aufführung. Römer zur Seite standen Bettina Pahn (Sopran), Ulrike Andersen (Alt), Andreas Post (Tenor) und Dominik Wörner (Bass) als Gesangssolisten. Ferner wirkten mit die St.-Andreas-Kantorei Hildesheim, das Trompetenensemble Dennis Melzer und das Bach-Orchester St. Andreas, um den 600 Besuchern das Werk zu präsentieren. Sowohl der Eingangschor „Jauchzet, frohlocket" als auch der Eingangs- und Schlusschor des dritten Teils, „Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen", begeisterten. Die Choristen überzeugten durch Schwung, Frische, Intonationssicherheit und musikalisches Gespür für die zahlreichen Stimmungen. Das Orchester unterstrich sicher und aufeinander eingestimmt dieses Jauchzen und Frohlocken.
Die lyrische Sopranistin Pahn, die in den Bereichen Alte Musik, Oratorium und Lied beheimatet ist und unter anderem mit Dirigenten wie Ton Koopman zusammenarbeitet, konnte nicht wirklich überzeugen. Ihre Stimme blieb bisweilen zu schwach und glanzlos. So jedenfalls in der einzigen Arie in den Teilen I-III, die sie mit Wörner im Duett gestaltete („Herr, dein Mitleid"). Dies lag allerdings insgesamt an Uneinigkeiten zwischen den Instrumental- und Gesangssolisten.
Die Altistin Andersen ist derzeit als freischaffende Künstlerin im In- und Ausland tätig. Sie tritt als Konzert-, Liedund Oratoriensängerin mit den Schwerpunkten Barockmusik, aber auch zeitgenössische Kompositionen auf. Andersen bezauberte besonders durch ihren warmen, weichen, satten Ton und ihre stimmigen Gestaltungen. Besonders die Arien „Bereite dich, Zion" und die innige, zart gestaltete Arie „Schlafe, mein Liebster" erfreuten.
Andreas Post meistert seine Partien bravourös
Der vielseitige Tenor Post, Stipendiat des Richard-Wagner-Verbandes Köln und gefragter Interpret nationaler und internationaler Produktionen, meisterte seine Partien bravourös. Der Arie „Frohe Hirten, eilt" verlieh Post durch seine klare, dezent raumfüllende Tongebung tiefe Anmut. Auch die komplexen Koloraturen, die der Tenor mit Leichtigkeit nahm, erstrahlten so erfreulich hell.
Der Bassist Dominik Wörner ist in den großen Oratorienpartien gleichfalls erfolgreich wie im Opernfach. Er schätzt die Alte Musik ebenso wie zeitgenössische Kompositionen. Er bestach im ersten Teil des Oratoriums durch Stimmstärke und klare Konturen in der Arie „Großer Herr, o starker König". Auch hier lag ein Jauchzen und Frohlocken, das diese Teile fast immer durchzog. Birgit Jürgens
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG , Dienstag, 15. Dezember 2009
HILDESHEIM. Offenbar hat es geschmeckt: Gut gestärkt kamen die immer noch 600 Besucher auch in das zweite Konzert zum Bach'schen Weihnachtsoratorium, um die Teile IV-VI auf sich wirken zu lassen.
Von den Solisten hinterließ besonders der Tenor Andreas Post neuerlich großartige Eindrücke. Ein besonderer Höhepunkt lag in der Arie „Ich will nur dir zu Ehren leben". Post verstand es, seine Stimme voll und ganz zu entfalten, eindrucksvoll musikalisch mitgetragen von den beiden Soloviolinistinnen Annette Siebert und Katja Beiße sowie der Continuo-Gruppe.
Insbesondere die mühelose Leichtigkeit, mit der Post die Koloraturen nahm, überzeugte. Hier saß jeder Ton sicher, aber auch jede Linie war wohl geformt. Bei Post einten sich Geschmeidigkeit in der Tongebung und Strukturstärke beeindruckend. Aber auch die Evangelisten-Partien und Rezitative erhielten Post'schen Glanz. Der Tenor zog die sanften und zarten Register im Rezitativ „So geht" tatsächlich „sanftmutsvoll" zärtlich. Diese Ausdrucksstärke erlebt man selten.
Die Arie „Flößt, mein Heiland" mit der Sopranistin Bettina Pahn und als Echo- Sopranistin Heide Lege blieb hingegen insgesamt zu konturlos. Stimmkraft, die den Raum auch im Piano ausfüllt, Dramatik und Theatrales kamen hier bei Pahn zu kurz. Doch vor allem in der Arie „Ach, wenn wird die Zeit erscheinen" und auch im Rezitativ „Was will der Höllen Schrecken nun" holte die Sopranistin im Verbund mit den übrigen Solisten im Trio und Quartett hörbar auf.
Der Altistin Ulrike Andersen stand – leider – in den letzten drei Teilen des Werks keine größere Solo-Partie mehr zur Verfügung. Doch selbst in der Trio- Arie „Ach, wenn wird die Zeit erscheinen" konnte sie durch ihr energisches „Schweigt" Aufmerksamkeit erregen. Eine scheinbar kleine Partie, gemeistert mit großer Ausstrahlung.
Der Bassist Dominik Wörner gab in der Arie „Erleucht auch meine finstre Sinnen" eine weitere Kostprobe großen Stimmvolumens. Mit dem Oboisten Thomas Siebert gelang Wörner an dieser Stelle eine überwiegend in sich stimmige, dabei unspektakuläre Darbietung.
Prädikat für Chor und Orchester: hervorragend
Von besonderer Qualität war der Eingangschor des fünften Teils („Ehre sei dir, Gott, gesungen"). Temporeich, tänzerisch, schwungvoll und lebendig holte Römer alles aus den Mitwirkenden. Ausgewogen, pulsierend und rasant zogen die Musiker gekonnt und mitreißend an einem Strang. Da störte es kaum, dass im Sopran die Höhe auch mal kleinere Probleme bereitete. Insgesamt lautete das Prädikat ebenfalls für diesen Chorus, aber auch das Orchester „hervorragend".
Dass der Chor den stärksten Beifall erhielt, überraschte schließlich auch nicht. Denn er zeichnete sich durch hohe Qualität, Gestaltungsvielfalt und Präsenz aus. Einziges Manko: Die Männerstimmen dürften stärker vertreten sein.
Doch auch dem Orchester, den Solisten und dem Leiter dankte das Publikum mit lautstarkem Applaus und Standing Ovations. Birgit Jürgens
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG , Dienstag, 15. Dezember 2009
Auch ich war begeistert von der Aufführung des „Messias" in der Andreaskirche, habe ihn selber schon mehrere Male in einem Chor in Süddeutschland gesungen. Vermisst habe ich in der Besprechung des Konzertes das „Glanzlicht" der Trompete im 3. Teil, 48. Arie, wunderschön geblasen! Marianne Ottow, Hildesheim
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Freitag, 23. Oktober 2009
HILDESHEIM. Das Werk ist von durchschlagendem Erfolg gekrönt: Händels Oratorium „Messiah", am 13. April 1742 uraufgeführt, erzielt von Anbeginn volle Wirkung. Damit ist ein umfangreiches und bedeutendes Oratorium geboren, das bis heute ein „Renner" ist.
Nun hat Andreaskantor Bernhard Römer anlässlich des 250. Todestages Händels erneut dieses Werk in englischer Originalsprache in der St.-Andreas-Kirche aufgeführt. Ihm zur Seite standen die Solisten Susanne Rydén (Sopran) aus Schweden, Elisabeth Graf (Alt), Markus Brutscher (Tenor) und Peter Schüler (Bass), das Bach-Orchester St.- Andreas und die St.-Andreas-Kantorei Hildesheim. Und 500 Musikbegeisterte kamen, um das dreiteilige Werk auf sich wirken zu lassen.
Der Vorteil populärer Werke liegt natürlich im Bekannten. Wer kennt ihn nicht, den „Hallelujah"-Chor und andere Highlights dieses Oratoriums? Wer assoziiert nicht gleich beim Namen Händel dessen „Messiah"? Doch schwierig bleibt es immer wieder für die Ausführenden, das Werk lebendig, frisch zu gestalten und neue Facetten aus dem Notentext herauszukitzeln.
Römer schafft das. Er holt an diesem Abend mit bewegten Gesten aus den Mitwirkenden ein ungeheures Klangpotential. Die Choristen imponieren besonders durch dynamische Spannbreiten und ein hohes Maß an Klangfarben und Tongebungen, wie man sie nur selten von Laienchören hören kann. Die Spannkräfte, Atmosphären, Geheimnisse, die immer wieder aufs Neue entstehen, entfalten sich so auch im „Hallelujah"- Chorus grandios.
Dezent und bestimmt gesetzte Crescendi können hier förmlich glühen: So brilliert dieser berühmte Chorus ohne aufgesetzten Prunk. Und das Orchester stimmt an dieser Stelle wie auch sonst in die bewegten, pulsierenden und kurzweiligen Auffassungen ein. Ein ergreifendes, musikalisch stimmungsvolles „Hallelujah" und schon an dieser Stelle heftige Ovationen vom Publikum.
Das renommierte Solistenquartett beeindruckt durch herausragende Leistungen. Die Sopranistin Rydén zählt zu den führenden europäischen Sopranistinnen im Bereich der Alten Musik. Die Kostproben des Abends lassen daran keine Zweifel aufkommen. Es ist der strahlende Glanz, das helle, doch auch stets feine Licht, das durch ihren kunstvollen Gesang in die Kirche einfällt. Koloraturen, pastorale Melodien, Ruhe und Sturm vereinen sich bei Rydén zu einer großen formvollendeten Einheit.
Graf holt mit ihrer tiefen Altstimme angenehme, dezente Farben aus dem Notentext. Empfindsam und anmutig entwickelt sie stimmungsreich Klangbilder, apart und berührend, energiegeladen, immer empfindsam.
Brutscher, der in den bedeutenden Musikzentren Europas und der USA gefragt ist, bezaubert. Er schafft es, ein Pianissimo mit explosiver Kraft anzureichern. Er erzeugt Spannungen wie er gleichwohl mächtige Koloraturen mit Leichtigkeit zu nehmen weiß. Es ist Musik aus einem Guss, die ankommt, Klänge mit besonders persönlicher Note. Doch Brutschers Auffassungen passen dabei stets exzellent ins Gesamtgefüge.
Schüler überzeugt durch seinen großen, bestimmten, dabei unaufdringlichen Ton wie er ebenfalls durch geheimnisvolle, feinsinnige Akzente glänzt.
Eine grandiose, wunderbare und stimmige Darbietung von höchster künstlerischer Qualität. Enthusiasmus, Schwung, frische Begeisterung und Elan standen von Anfang bis Ende mit auf dem Programm. Und das macht auch das besondere dieser erstklassigen Aufführung aus. Man erlebt es selten, dass das Publikum so schnell begeistert aufsteht, ja nahezu aufspringt und Dank zollt. Minutenlange Standing Ovations, Bravo-Rufe und Trampeln von den Zuhörern für diesen Erfolg. Birgit Jürgens
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG 20.10.2009, Dienstag, 20. Oktober 2009
Hohenhameln (htw). Bei einer spätsommerlichen Abendmusik unter dem Motto „Jubilare & Co" hat der Kammerchor Hildesheim an Andreas in der gut besetzten evangelischen Laurentius- Kirche in Hohenhameln die Zuhörer begeistert. Vorgetragen wurden Orgelwerke norddeutscher Meister und geistlicher Chorgesang für einen vier- bis fünfstimmigen Chor. Die Gesamtleitung lag bei Kantor Bernhard Römer. Der im Jahr 1990 gegründete, 25-köpfige Kammerchor bestach in der Kirche mit einer hohen künstlerischen Qualität. Bei der musikalischen Gattung des „geistlichen Konzertes" wurde der Chor von einer kleinen instrumentalen Gruppe unterstützt. Zu diesem Ensemble zählten Susanne und Ulrike Teille (Barockvioline), Katarina Lukaczewski (Orgelcontinuo) und Bastin Altvater (Violone). Die Instrumente stammen aus einer Zeit, in der die vorgetragenen Kompositionen entstanden sind. Dazu zählten „O Sing unto the Lord" von Henry Purcell aus dem Jahr 1688, „Der Herr ist mein Hirt" von Heinrich Schütz aus dem Jahr 1650 und „Herr, du lässt mich fröhlich singen" von Georg Friedrich Händel sowie das Schlusslied „Befiehl dem Engel, dass er kommt" von Dieterich Buxtehude aus dem 17. Jahrhundert. Als Gesangssolisten glänzten Marieluise Gömmel (Sopran), Monika Körner (Mezzosopran), Marianne Schur (Alt), Albrecht Szymanowski (Tenor) und Andreas Lege (Bass). Der chorische Teil wurde durch Orgelwerke der gleichen Epoche kontrapunktiert. Auf der Steinmann-Orgel spielte der Hohenhamelner Organist und Chormitglied Christopher Kleeberg aus Adlum in Perfektion. Dazu gehörte die Toccata in F-Dur von Dieterich Buxtehude, „Jesus Christus, unser Heiland" von Franz Tunder und eine Choralvariation in drei Versen von Matthias Weckmann. Zum Schluss gab es langanhaltenden Beifall und gelbe Rosen für die Sänger und Instrumentalisten.
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Mittwoch, 23. September 2009
HILDESHEIM. Ein stimmiges Programm, ein treffendes „Jubilare & Co." - Motto: Alte Musik von Heinrich Schütz über Henry Purcell (350. Geburtstag) bis zu Georg Friedrich Händel (250. Todestag) hatte Andreaskantor Bernhard Römer zusammengestellt und rund 60 Besuchern in der St.-Andreas-Kirche geboten. Mit dem Kammerchor Hildesheim an St.-Andreas, einem Ensemble mit historischen Instrumenten (Susanne Dietz und Ulrike Teille, Barockvioline, Bastian Altvater, Violone, Katariina Lukaczewski, Truhenorgel) und Solisten des Kammerchors (Marieluise Gömmel, Sopran, Monika Körner, Mezzosopran, Marianne Schur, Alt, Albrecht Szymanowski, Tenor und Andreas Lege, Bass) ging der Leiter und Organist Römer seinen Weg. Aber es fiel nicht nur Licht auf diesen Weg, sondern auch Schatten. Dieterich Buxtehudes einleitende Toccata d-Moll (BuxWV 155) gestaltete Römer an der Orgel dunkel und dramatisch, und – sobald der Notentext es hergab – auch drängend und draufgängerisch. Eine überzeugende und mitreißende Darbietung.
Harmonische Herbheiten
Franz Tunders Geistliches Konzert „Dominus illuminatio mea" für fünf Singstimmen, zwei Violinen und Basso continuo zählte ebenfalls zu einem der Höhepunkte des Abends. Die Choristen und das Ensemble mit historischen Instrumenten lenkte Römer in ausdrucksstarke, homogene Bahnen. Dabei blieben sowohl die genau ausformulierten und schmerzvoll nachgezogenen Dissonanzen und die harmonischen Herbheiten als auch die schlichten Konsonanzen ein Hörgenuss. Insbesondere die Streicher verschmolzen klanglich mit ihrer weichen, schlanken Tongebung zu einer Einheit. Und Lukaczewski stützte all diese Auffassungen präzise mit.
In Schütz' Deutschem Psalm-Konzert (SWV 398) für Favorit-Chor, zwei Violinen, Complement-Chor und Basso continuo aus „Symphoniae Sacrae III" (op. 12. Nr. 1) hingegen stimmte nicht alles. Ein falscher Einsatz brachte das Werk ins Wanken. Die kurzfristig erstaunlich „modern" anmutenden Klänge konnten nicht aus der Feder Schütz' stammen. Doch man sammelte sich wieder, fand allerdings in diesem Werk nicht mehr endgültig zu einer selbstbewussten Form zurück, sondern interpretierte verhaltender als zuvor.
In Purcells Anthem „O sing unto the Lord" für Soli, vierstimmigen Chor, zwei Violinen und Basso continuo hatten die Musiker ihre ursprüngliche Form wiedergefunden, wenngleich die Gesangssolisten – insgesamt – sicher ein noch homogeneres Klangbild arrangieren könnten.
Händels „Herr, du lässt uns fröhlich singen" (aus Anthem „The King shall rejoice", HWV 265, Deutsche Textübertragung: Dietmar Damm) und noch offenkundiger das Schlusswerk, Buxtehudes „Befiehl dem Engel, dass er komm" (Kantate BuxWV10), standen weitestgehend im Lichte der Kunst. Birgit Jürgens
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG , Dienstag, 22. September 2009
HILDESHEIM. Sollten die ersten Klänge, die beiläufig aus der Beckerath Orgel der St. Andreas Kirche drangen, nur ein Signal sein, dass es bald losgeht? Nun, schließlich begann Martin Setchell mit der ganzen Fanfare: Aaron Coplands Fanfare for the Common Man“ („Gemeine Mann“). Berühmt wurde das Stück durch Emerson, Lake & Palmers Version und erhielt nun durch Setchells arrangierte Fassung frischen Wind. Man gewann den Eindruck, der Organist sitze mit einem verschmitzten Lächeln an der Orgel und freue sich über jeden Klang. Und Setchell, der sein Publikum gedanklich mitnehmen möchte, gelang es, ein Lächeln auf die Gesichter der Zuhörer zu zaubern.
Martin Setchell reist und konzertiert viel. Der gebürtige Engländer, Jahrgang 1949, studierte unter anderem bei Größen wie Pierre Cochereau und Marie Claire Alain. Nach seinen Studien emigrierte er nach Neuseeland. Nun ist er unter anderem Professor und Universitätsorganist. Seine Bleibe: Christchurchin Neuseeland, wo er mit seiner Frau Jenny und zwei Burma Katzen lebt. Besondere Kennzeichen des Künstlers: ein Gemisch aus (englischem) Humor, Witz und Elan für die Musik, viele bekannte und dabei neu zu entdeckende Stücke.
Auch Setchells klangvolle Suite D-Dur steckt voller Schwung. Zu massiges Volumen liegt ihm fern. Er hält sich allerdings auch nicht zurück, sondern veredelt vielmehr die zahlreichen scheinbaren Kleinigkeiten, die auch in seiner Musik besondere sind, mit Hingabe. Und er beantwortet musikalische „Fragen“ mit leichten, (offenen) Antworten.
Guy Bovets „Hamburger Totentanz“ aus den „Drei Hamburger Präludien“ (op. 136) liegt dem Organisten besonders, denn das Bizarre, Makabere und die schrägen Rhythmen erfreuen Setchell sichtlich. Die zahlreichen Zitate – von Beethovens „Für Elise“ über Offenbachs „Barcarole“ bis hin zum Leitmotiv aus Wagners „Der fliegende Holländer“, das erklingt, sobald ein Schiff in den Hamburger Hafen einfährt, – kamen hier trocken, deutlich und nie überzogen an.
Die Zugabe, Bachs „Badinerie“ aus der Orchestersuite Nr. 2 h Moll (BWV 1067), eines der bekanntesten Stücke der Barockliteratur, steckte auch voller Leichtigkeit und Spielwitz. Es ging in dieser arrangierten Fassung nicht um Effekte, nicht um eine originelle Schlussfloskel. Es zählte das Gesamtgefüge inklusive der Authentizität des Künstlers.
Setchell zeigte beim Applaus offen lachend, zufrieden, dankbar und mit temperamentvollen Gesten auch auf die Orgel. Dass die so genannte E Musik so ernst gar nicht ist, das weiß der Organist und es hat es bewiesen – zur Freude des Hildesheimer Publikums. Birgit Jürgens
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG , Dienstag, 18. August 2009
HILDESHEIM. Besucher der „Romantischen Nacht“ haben sich verwundert darüber geäußert, dass das Abschlusskonzert vom Marktplatz in die St.-Andreas-Kirche verlegt worden ist.
Andreaskantor Bernhard Römer sagte dazu gegenüber dieser Zeitung, die Entscheidung sei wegen der kalten Temperatur gefallen. Durch die Temperaturunterschiede zwischen warmer Atemluft, die in die Holzblasinstrumente ströme, und der kalten Außentemperatur habe die Gefahr bestanden, dass die Instrumente reißen. Das wäre nicht zu verantworten gewesen. abo
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG , Dienstag, 23. Juni 2009
Hildesheim. Wenn ein Kantor keine guten Beziehungen zum Himmel hat, wer dann? Bernhard Römer, Andreaskantor und zugleich Geschäftsführer des Kulturrings, scheint sie jedenfalls zu besitzen: Die gut 620 Besucher der „Romantischen Nacht“, die er zum inzwischen siebten Mal organisiert hatte, blieben zumindest trocken.
Gründe, dass es nicht wie vor zwei Jahren 1000 Besucher waren, mögen die Schützen-Vesper am selben Abend gewesen sein und die Temperaturen, die nicht unbedingt dazu einluden, in den Pausen zwischen den Konzerten etwas im Freien zu essen oder zu trinken. Am Programm dürfte es jedenfalls nicht gelegen haben, auf das Römer unter der Überschrift „Nicht ohne meine Schwester“ Musik von Fanny Hensel, Felix Mendelssohn Bartholdy – dessen 200. Geburtstag die Musikwelt in diesem Jahr feiert – und deren Freunden gesetzt hatte.
Auf in die St.-Andreas-Kirche, zum Eröffnungskonzert. Dort stellte sich Römer in einer kurzen, launigen Ansprache als Felix Mendelssohn aus Leipzig vor, der erfahren habe, dass in Hildesheim Musik von ihm, seiner Schwester und seinen Freunden aufgeführt werde. Falls der Dirigent verhindert sei, könne er ja einspringen … Aber der war nicht verhindert, Römer gab den Einsatz zu Mendelssohns Sinfonie Nr. 2 B-Dur, einer „Symphonie-Kantate nach Worten der Heiligen Schrift“ mit dem Beinamen „Lobgesang“. Der Andreaskantor hatte in der einleitenden Sinfonia ein an sich angenehm forsches Tempo angeschlagen, das bei der Kammerphilharmonie Europa aber mitunter – nicht nur hier, auch in der Ouvertüre zu Mendelssohns Schauspielmusik „Ein Sommernachtstraum“ im Abschlusskonzert – besonders in schnellen Passagen zu Problemen beim Zusammenspiel führte: Die einzelnen Orchestergruppen hörten die jeweils anderen aufgrund der akustischen Verhältnisse in der Kirche teilweise mit Verspätung und schon war’s geschehen.
Die deutlich artikulierende Sopransolistin Monika Frimmer setzte mitunter zu sehr auf Kraft, samtweich der Mezzosopran Olivia Vermeulens, vorzüglich der Tenor Jörg Dürmüller. Er gestaltete äußerst musikalisch, sang textverständlich, ohne Probleme in der Höhe.
Den Chorpart hatte die St.-Andreas-Kantorei übernommen, die von Römer mit großer Sorgfalt vorbereitet worden war: Da gibt es bei den Sopranen in der Höhe keine Schärfe, da stimmt die Intonation, der Gesang ist ausdrucksvoll und am Text orientiert. Die Begeisterung der Kantorei übertrug sich aufs Publikum, wie der stürmische Applaus bewies.
Nun galt es, sich zwischen sechs Konzerten an unterschiedlichen Orten zu entscheiden. Erstmals stand das Tempelhaus als Spielort zur Verfügung, dessen Akustik für Kammermusik – das erwies sich bereits nach wenigen Takten – bestens geeignet ist. Dort musizierten Solisten der Kammerphilharmonie Europa – Misha Nodelman und Andrej Sudnitsyn (Violine), Andrej Ovchinikov (Viola) und Dmitri Gornowski (Violoncello) – Fanny Hensels Streichquartett Es-Dur und das Streichquartett op. 12 von Felix Mendelssohn Bartholdy in derselben Tonart. Hensels Komposition inspirierte die vier Streicher unüberhörbar nicht sonderlich – oder sollte es am zu wenigen Üben gelegen haben, dass von Homogenität des Ensembles keine Rede sein konnte? Der Unterschied zwischen den Kompositionen ist geradezu erschütternd groß. Vielleicht, weil Mendelssohns Werks sie mehr reizte, waren die vier nun wie ausgewechselt: musikalisch sinnvolle Gestaltung, gute Artikulation.
Im Programmheft standen statt der vier Sätze des Hensel-Quartetts nur zwei verzeichnet, sodass einige Zuhörer ins Schleudern kamen, wann welches Stück denn nun beendet ist. Und so wunderten sich die Streicher, dass nach dem zweiten Satz des Mendelssohn-Quartetts plötzlich Beifall aufbrandete. „Wir spielen noch zwei Sätze“, sagte der verdutzte Misha Nodelman. Da das Konzert länger als vorgesehen gedauert hat, muss schnell eine Entscheidung fürs nächste fallen. In der Kreuzkirche gibt’s gleich Mendelssohns zwei Konzertstücke für Klarinette, Bassetthorn und Klavier sowie die Phantasie fis-Moll für Klavier solo. Das klingt doch verlockend … Es klang sogar exzellent. Alexander Morogowsky, Jenya Poliak und Christian Seibert gingen hervorragend aufeinander ein, ihr Spiel hatte Charme – und Seibert erwies sich als ein Pianist von Rang.
Aber was ist das? Seibert schaut einen Moment irritiert. Kanonendonner übertönt sein Spiel. Die Kreuzkirche war zwar ursprünglich Teil der Befestigungsanlage der Stadt … Nein, niemand will Hildesheim stürmen, es ist das Knallen des Feuerwerks, das beim Schützenfest entzündet wird und in der Kirche bestens zu hören ist. Und so wurde die Phantasie in fis-Moll unversehens zu Mendelssohns „Feuerwerksmusik“.
Römer alias Mendelssohn hatte vor dem Eröffnungskonzert gesagt, wenn die Bühne auf dem Marktplatz um 23 Uhr erleuchtet ist, wird das Abschlusskonzert dort gegeben. Um 23.20 stakte nur noch das Gerüst im Scheinwerferlicht, der Rest war bereits abgebaut. Also, nichts wie zur St.-Andreas-Kirche. Die Kammerphilharmonie Europa unter Leitung von Römer interpretierte Fanny Hensels C-Dur-Ouvertüre nach sanftem Beginn spritzig, Mendelssohn Bartholdys „Märchen von der schönen Melusine“ klangschön, geheimnisvoll, aber auch dramatisch. Und dafür, dass es schon nicht für den Traum von einer Sommernacht im Freien gereicht hatte, entschädigten Römer und das Orchester mit den Stücken aus Mendelssohns Schauspielmusik zu Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“. Flirrender Beginn, ein kräftiges Jawort beim Hochzeitsmarsch. Dankbarer Applaus, keine Zugabe. Und von einer Sommernacht müssen die Besucher weiterhin träumen. Andreas Bode
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG , Montag, 22. Juni 2009
HILDESHEIM. Um Fugenthemen zu erfinden und zu gestalten, dazu benötigte Johann Sebastian Bach als geradezu legendärer Kontrapunktiker und Improvisator keine fremde Hilfe. Doch ein Fugenthema für den Meister, dazu kreiert von König Friedrich II., das war natürlich erstens etwas ganz anderes und zweitens etwas ganz Besonderes. Dieses Fugenthema, höchstpersönlich von seiner Majestät 1747 dargeboten und schließlich von Bach vortrefflich nicht nur, wie vom König geheißen, als Fuge ausgeführt, ging als „Musikalisches Opfer“ (BWV 1079) in die Musikgeschichte ein.
Des Werks nahmen sich auch die jungen Künstlerinnen Anna Markova (Barockvioline), Sarah Möller (Traversflöte), Katharina Schlegel (Barockvioloncello) – sie studier(t)en unter anderem an der Hochschule für Künste Bremen in der Abteilung Alte Musik - und Andreaskantor Bernhard Römer (Cembalo) an.
Vor dem Hauptwerk des Abends kamen die galanten Töne des Bach-Sohns Carl Philipp Emanuel, der bei Friedrich II. als Kammercembalist in Diensten stand, zu Gehör: seine Triosonate C-Dur (Wq 147). Der Klang der Instrumente mischte sich sehr gut und ausgewogen, Virtuoses und Seufzermotive, strahlender Glanz und musikalische Schatten vereinten sich und ließen auf ein qualitativ hochwertiges „Musikalisches Opfer“ hoffen. Römer führte kurz ins Werk ein, inklusive Notenbeispiele, und der Zuhörer konnte dabei Lehrreiches über die Besonderheiten des „königlichen Themas“, einen Kanon im Krebsgang oder Improvisationen aufnehmen.
Dieses Bach'sche komplexe und komplizierte Spätwerk hinterließ schließlich einen besonders guten Eindruck. Die Geigerin, 1985 in Karaganda (Kasachstan) geboren und unter anderem 2004 1. Preisträgerin beim Kammermusikwettbewerb in Minsk im Duo Violine und Klavier, faszinierte durch ihren musikalisch edlen Spürsinn, einen angenehmen, ungetrübten Klang und ihr lockeres Spiel.
Gambistin und Barockcellistin Schlegel, 1978 in Stralsund geboren und 1. Preisträgerin beim 3. Internationalen Bach-Abel-Wettbewerb für Viola da Gamba in Köthen 2006, überzeugte durch ihre gänzlich unforcierte schlichte und angemessene Tongebung. Genau wie auch die 1983 in Jena geborene Möller, die unter anderem im Barockorchester „L'Arco“ Hannover mitwirkt.
Mit Römer, der durch sein exaktes, verständliches Spiel Aufmerksamkeit erregte, interpretierte das Quartett – wie auch sonst musikalisch geeint – einen schwungvollen, belebenden „Canon perpetuus“ und einen dynamischen, fantasievoll gestalteten Schlusssatz aus der „Sonata sopr'il soggetto reale“.
Die gut 70 begeisterten Besucher, die im Chorumgang der St.-Andreas-Kirche Platz genommen hatten, dankten lautstark, nachdem dieses „Musikalische Opfer“ mit der Fuge, all seinen Canones, der Sonata und den umrahmenden Ricercaren so königlich präsentiert worden war. Birgit Jürgens
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Dienstag, 12. Mai 2009
HILDESHEIM. Es waren Kontraste, die am Karfreitag musikalisch und künstlerisch das Konzert des Kammerchors Hildesheim an St. Andreas unter seinem Leiter Bernhard Römer in der sehr gut besuchten St.-Andreas-Kirche bestimmten. Kontraste, die in der Werkauswahl von Heinrich Schütz’ Alterswerk, der „Johannes-Passion“ (SWV 481), und romantischen Kompositionen lagen. Und solche, die sich in Stärken, aber auch einigen Schwächen im Chor und bei den Solisten ausdrückten.
In Felix Mendelssohn Bartholdys achtstimmiger Psalmvertonung des 22. Psalms, der Motette „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (op. 78 Nr. 3), ergriffen die Sänger durch beeindruckend schlichte, aber auch gestalterisch dramatische Akzente, besonders effektvoll gearbeitete Farbgebungen, die ohne Süße oder Wucht auskamen. Textverständlichkeit, Artikulation und Intonation beeindruckten.
Zu dieser qualitativen Höhe konnten sich die Sänger in Johannes Brahms’ Motette für zwei vierstimmige Chöre „Wenn wir in höchsten Nöten sein“ (op. 110 Nr. 3) nicht immer ganz aufschwingen. Aber es blieb bei diesen kleinen Intonationsschwächen und geringen Mängeln in den hohen Sopranlagen, die den insgesamt sehr guten Gesamteindruck lediglich am Rande trübten.
Durchdachtes Dirigat
Die kurzen, kaum länger als eine Minute dauernden Chorsätze des Hauptwerks des Konzerts, der „Johannes-Passion“, kamen vor allem durch bestimmte, allerdings passend zum Werk mäßig geführte Dramatik an. So wirkten auch das „Kreuziget ihn“ oder der Spott und Hohn des „Lieber Judenkönig“ nachhaltig, sicher, aber nie zu massiv. Die polyphone Kunst, die lediglich in den Chorsätzen zum Tragen kommt, konnte sich besonders eindrucksvoll entfalten, da Römer in seinem durchdachten Dirigat auf musikalische Nachdrücklichkeit verzichtete. Der „Beschluss“ der Passion wirkte vor allem durch die Ruhe, die die Choristen feinstimmig, genügsamen Tones verströmten.
Die Solisten der Passion hinterließen unterschiedliche Eindrücke ihrer musikalischen Werkauffassungen. Der Tenor Jan Kristof Schliep, Ensemblemitglied am Theater für Niedersachsen (TfN), gab in der groß angelegten Evangelistenpartie die Rezitative stimmstark, sicher, getragen, künstlerisch überzeugend wieder. Der Bariton Albrecht Pöhl, derzeit als freier Sänger und Gesangslehrer tätig, gestaltete die Jesus-Partie zu romantisch gefärbt, wobei besonders sein starkes Vibrato ins Gewicht fiel, das allerdings im Verlauf immerhin streckenweise nachließ. Doch dieser Ton passte letztlich nicht ins Gesamtgefüge.
Die übrigen Solopartien, die Chormitglieder übernahmen, hätten stellenweise noch selbstbewusster gemeistert werden können. Auch das waren Kontraste in diesem insgesamt allerdings sehr kunstvoll gestalteten Konzert. Birgit Jürgens
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG , Dienstag, 14. April 2009
HILDESHEIM. Viel Farbe ist in die St.-Andreas-Kirche eingezogen. Der Chorumgang ist violett illuminiert. Die knapp 100 Zuhörer lassen das Farbspiel auf sich wirken oder schauen sich – vorab – kurz vor 18 Uhr die mehr oder minder farbigen Exponate der am Konzertabend noch nicht eröffneten Ausstellung „Siehst du mich? – „Ökumenischer Kreuzweg der Jugend 2009“ an. Und dann beginnt Andreaskantor Bernhard Römer pünktlich, um dem Jubilar Felix Mendelssohn Bartholdy zum 200. Geburtstag zu gratulieren mit dessen sechs Orgelsonaten op. 65. Ein Geschenk, das man in diesem Gesamtpaket höchst selten hören kann.
Viel Farbe ist auch in Römers Spiel. Er differenziert klanglich packend und stilvoll, registriert reizvoll, weiß den Mendelssohn’schen Ideenreichtum, die volle Harmonik und die Originalität der Melodik immer wieder auszuschmücken. Von den sechs Sonaten, die bis auf die dritte Sonate allesamt zwischen 1844 und 1845 entstanden sind und in die der Komponist unter anderem Choralsätze integrierte (Sonaten 1, 3, 5 und 6), fiel besonders positiv die Sonate A-Dur (op. 65 Nr. 3) auf. Römer entwickelte festlichen Tons – passend zum Geburtstag – dieses Werk, kostete die künstlerischen, agogischen Freiheiten wahrlich aus.
Dramatisch und dicht
Er entwickelte dramatisch und dicht den Notentext und ließ sodann die Doppelfuge sprechen (im Pedal kommt als Cantus firmus die Choralmelodie „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ hinzu). Der Organist steigerte dynamisch aufregend, und auch in vielerlei Hinsicht bewegende Accelerandi musste man keinesfalls missen. Der kurze, weniger gehaltvolle zweite Satz dieser Sonate geriet leicht, weich im Ton, ja still, piano dolce in jeder Hinsicht.
Ebenfalls ganz in Festtagslaune leuchtete am Notenfirmament der Schlusssatz der Sonate D-Dur (op. 65 Nr. 5). Hier konnte Römer mit seiner hellen, glänzenden und drängenden Interpretation bewegt bewegen wie schon vor der Pause mit dem Allegro assai vivace aus der ersten Orgelsonate: eine meisterhaft quirlige Verquickung virtuoser Ergüsse dieser kunstvollen (Sonaten-) Form. Auch die Sonate B-Dur (op. 65 Nr. 4) präsentierte Römer zunächst im Stile eines rauschenden Festes, triumphal, tänzerisch und leuchtend, aber trotzdem tiefsinnig und nie oberflächlich.
Der Einfluss Bachs klingt in dieser Werkgruppe zwar immer wieder deutlich durch, doch gerade harmonisch wies Mendelssohn mit diesen Sonaten stark in Richtung Zukunft. Und Römer? Er erreichte mit seinen abwechslungsreichen Interpretationen ganz klar die Zuhörer: Standing Ovations für dieses besondere Geburtstagsgeschenk. Birgit Jürgens
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Dienstag, 17. März 2009
HILDESHEIM. Ein Blick ins Publikum, dann legt er los – inbrünstig, melancholisch, lieblich, auch augenzwinkernd. „Schönste, Süßeste, Liebste“ sinniert der Schauspieler Gotthard Hauschild pathetisch. Oder er setzt eine Kunstpause, wenn er charmant einen „Guten Morgen“ wünscht, den Anwesenden, wie’s scheint, aber eigentlich natürlich der Herzallerliebsten: „Guten Morgen, (…) mein Herz, (…) meine süße Rebellin“, seufzt und sehnt er. Und schon ist er an der Reihe: Der Kammerchor Hildesheim an St. Andreas unter der Leitung von Andreaskantor Bernhard Römer intoniert Orlando di Lassos vierstimmigen Chanson „Bonjour, mon coeur“, elegant, frei von Überzeichnungen, so dass der Herz-Schmerz immer präsent bleibt. Und damit das Zentralthema, das Hauschild im ersten Konzertteil – mit einem (Rück-)Blick auf den Valentinstag – getreu der „Liebesliederwalzer“ und „Liebeslyrik in Wort und Musik“ rezitierte.
Erneut konnte das Publikum auch das sehr hohe Niveau des Kammerchors miterleben, dessen besonders gute Stimmmischung und Textverständlichkeit und hohe musikalische Flexibilität immer wieder auffallen, ob in Alter Musik, romantischen oder auch gemäßigt modernen Werken. Mendelssohn Bartholdys „Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht“ etwa wühlt schon aufgrund des prägnanten, auf Kommunikation mit „seinen“ Sängern ausgerichteten Dirigats Römers richtig auf: rhythmisch hämmernd, musikalisch von großer vierstimmiger Einheit und Präsenz zeichnen die Ausführenden so dieses traurige Lied.
Ungekünstelt und anrührend
Als Gesangssolistin wirkte die Choristin Monika Körner mit, die begleitet von Römer am Cembalo Giulio Caccinis „Amarilli, mia bella“ mit ihrem klaren Mezzosopran besang. Eine werkgetreue, ungekünstelte, gleichwohl anrührende Interpretation des Werks, ein großer Wurf für eine Sängerin, die zwar vier Jahre Gesangsunterricht nahm, allerdings nicht ihr Stimmfach studierte.
Die „Liebesliederwalzer“ von Brahms im zweiten Teil, am Flügel bestens begleitet von Katariina Lukaczewski, die seit 2006 zweite Kirchenmusikerin an der St.-Andreas-Kirche ist, sowie von Musikschulleiter Ulrich Petter, fußten ebenfalls auf den Ergebnissen genauester Arbeit. Hier fielen besonders positiv die Interpretationen der Vogelbilder auf. „Ein kleiner, hübscher Vogel“ erweckt lockeres und wogendes Frühlingsrauschen, intonationssicher und ungetrübt besungen aus 20 Kehlen. Und der Behauptung „Nachtigall, sie singt so schön“, kann man nur zustimmen bei diesen seichten, leisen, lieblichen Klangwellen, perlend mitgetragen von den Pianisten.
Besondere Erträge, solistisch und choristisch, hörbar sehr gute Arbeit, die man in der Matinee im nahezu vollbesetzten Schafhausen-Saal im Roemer- und Pelizaeus-Museum miterleben durfte. Und so musste es noch eine Liebeslieder-Zugabe geben: „Nein, es ist nicht auszukommen mit den Leuten“: Energisch und derb gaben die Ausführenden stimmlich nochmals alles, natürlich auch hier im Namen der Liebe. Birgit Jürgens
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG , Dienstag, 17. Februar 2009
HILDESHEIM. Wohliger Kerzenschein in der Taufkapelle der St.-Andreas-Kirche. Besonders der imposante Kerzenleuchter über dem Mietke-Cembalo trägt mit zu dieser Atmosphäre bei. So eröffnete Andreaskantor Bernhard Römer stilecht einmal mehr das traditionelle Cembalorezital zu Jahresbeginn.
„Liebe, Lust und Leidenschaft – Cembalomusik aus England, den Niederlanden, Frankreich und Deutschland“ titelte der Ausführende sein Programm. Und ahnte ebenso wenig wie die zahlreichen Zuhörer, dass sich beinahe eine Szene aus dem Film „Der Rosenkrieg“ ins Spiel einzumischen versuchte. Hatte der Programmtitel dazu verleitet?
Doch zunächst verlief alles nach Plan. Römer interpretierte eingangs temperamentvoll Bachs Präludium C-Dur aus dem Wohltemperierten Klavier II (BWV 870), bevor er die strenge Fuge zum Blühen erweckte. Aus dem „Camphuysen Manuscript“ gereichte der Musiker „Daphne“ (drei Verse) und ließ sie rauschend fliehen, die von Apollo geliebte Nymphe.
Tempo und Leben im Spiel
Und immer waren Tempo und Leben im Spiel, auch in Bachs Präludium D-Dur aus dem Werkpaar BWV 874 – doch dann passierte es: Der Kerzenleuchter senkte sich langsam, aber bestimmt abwärts Richtung Cembalo. Das war das Bild, das an die Kronleuchterszene mit Kathleen Turner und Michael Douglas in „Der Rosenkrieg“ erinnerte. Zwei Helfer stützten den schweren, prächtigen Leuchter. Und der Küster brachte mithilfe der Fernbedienung das werte Stück wieder aufwärts in Position. Welch’ Schrecken, doch zum Glück blieben Cembalist, Publikum und Instrument unversehrt. Einmal tief durchatmen, auch der Interpret, für den es herzlichen Applaus gab, als er neu ansetzte: ein souveräner Römer, der dem abgebrochenen Bach-Werk wiederum wahre, leuchtende Gestalt verlieh.
Aus dem „Fitzwilliam Virginal Book“ hatte der Musiker unter anderem Peter Philips’ „Amarilli“, eine Bearbeitung von Giulio Caccinis „Amarilli mia bella“ gewählt. Es ist doch angenehm, dass auch ohne Gesang und viele Worte stimmungsvolle Eindrücke entstehen können, die genauso viel ausdrücken, wenn sie leidenschaftlich interpretiert werden.
Hervorzuheben ist ebenfalls Römers Gestaltung von Henry Purcells „Ground“ c-Moll. Die sehnsüchtigen Klänge der virtuosen, auf dem Hauptmanual gespielten Variationen ergänzen sich hier bezaubernd mit den Ostinati. Ein Bach zum Schluss, dessen Präludium und Fuge F-Dur (BWV 880). Und nach heftigem Beifall noch mehr Bach: „Bist du bei mir“ (BWV 508), ohne Worte, eindrucksvoll.
Und warum nun kam der Leuchter in Bewegung? Den Küster traf keine Schuld. Vielmehr muss es eine fremde Fernbedienung gewesen sein. Denn auch die sind in der Lage, etwa ein Garagentor zu öffnen, das nicht für sie bestimmt ist. Oder eben einen Kronleuchter abzusenken… Birgit Jürgens
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG , Dienstag, 20. Januar 2009
Die unumgänglichen Jahresrückblicke sind sich einig: 2008 war ein Jahr der Krisen, der trivialen und weniger trivialen, kleinen und großen Katastrophen. Boris Becker hatte seine Verlobungskrise, sowohl CSU als auch SPD hatten Identitätskrisen, und wir alle hatten die Finanzkrise. Und wenn man den Unken Glauben schenken will, kann 2009 nur noch schlimmer werden. Da möchte man schon mal laut und vernehmlich ein „O Freunde, nicht diese Töne!“ dazwischendonnern. An diesem letzten Abend des Krisenjahres tut Jens Hamann das für uns, und es klingt wie ein wahrer Befreiungsruf.
Es ist fast so, als hätte Andreas-Kantor Bernhard Römer in sehr weiser Voraussicht Beethovens Neunte aufs Programm gesetzt. Schließlich ist dieses Kernwerk der Musikgeschichte ein besonders griffiges Beispiel für die klassische Vorstellung, eine Sinfonie müsse durchs Dunkel zum Licht führen. Hier gipfelt das Ganze dann in Schillers notorischer „Ode an die Freude“, und die ist eben doch viel mehr als bloß Europahymne. Wenn man sie richtig anpackt, dann ist sie Rausch und Sturm und sehr viel Drang, dann ist sie ein gewaltig eskalierendes Feuerwerk aus Trotz und Zuversicht und passt perfekt für einen Silvesterabend.
Die St.-Andreas-Kirche ist bis auf die Orgelempore hinauf voll mit Publikum besetzt, und auch das Podium vorn quillt über. Das Niedersächsische Jugendsinfonieorchester, ein profilierter Nachwuchsklangkörper, zeigt sich äußerst engagiert und mitreißend, bewegt sich mit Wucht durch das Unheil des ersten und stürmisch durch den keck herausfordernden zweiten Satz. Im dritten kostet Bernhard Römer als Dirigent dann ganz feinfühlig und feierlich das warme Adagio aus. Und während dieser konzentrierten Verinnerlichung können die Musiker auch gegen die natürlich nicht unproblematische Raumakustik ankommen, die in den schnelleren Passagen manche Transparenz zwangsläufig verwischt.
Zum großen Finale dann erheben sich die St.-Andreas-Kantorei und der Internationale Chor Hildesheim (Einstudierung: Gerlinde Lauckner) und die fabelhaften Sängerinnen und Sänger geben alles, artikulieren klar und mit überschwänglichem Nachdruck. Ebenso wie die hochkarätigen Solisten, bei denen die wie immer äußerst souveräne Altistin Elisabeth Graf und der großartige Bass Jens Hamann besonders glänzen. Dass die Bayreuth-erfahrene Sopranistin Evgenia Grekova und der texanische Tenor Ray M. Wade mit ihren sehr schönen, lyrischen Stimmen dagegen nicht ganz ankommen, fällt aber so gut wie gar nicht ins Gewicht, da dass Quartett sich hervorragend aufeinander einstellt und zu einem überzeugenden Gesamtklang findet.
Nein, eine kleine Silvestersoiree, wie wir sie aus den vergangenen Jahren kennen, ist das nicht. Dieses Sonderkonzert des Kulturrings beschert zum Jahreswechsel eine bombastische und zugleich ergreifende Attraktion. Am Ende gibt es Bravos, und das Publikum erhebt sich für Standing Ovations. Eine so leidenschaftliche Ode an die Freude ist offenkundig genau das, was wir gebraucht haben. Und es gibt wohl niemanden, der nach dem Beethoven auf die Straße tritt, der – frei nach Schiller - nicht Millionen umschlingen und der ganzen Welt einen zuversichtlichen Kuss aufdrücken mag. 2009 kann kommen, wir sind gewappnet! Andre Mumot
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG , Freitag, 02. Januar 2009
HILDESHEIM. Ein besonderes Werk: Am 22. Mai 1874, am ersten Todestag des Dichters Alessandro Manzoni, den Giuseppe Verdi einen „Heiligen" nannte, dirigierte der Komponist seine Totenmesse „Messa da Requiem" in der Kirche San Marco in Mailand. Wenige Tage darauf leitete Verdi dieses Werk im Teatro alla Scala und erntete nahezu endlose Ovationen.
Nun führte Andreaskantor Bernhard Römer dieses Werk in der St.-Andreas-Kirche mit der St.-Andreas-Kantorei Hildesheim, der Philipp-Nicolai-Kantorei Unna (Einstudierung: Hannelore Höft), dem Höchberger Kammerorchester und den Vokalsolisten Manuela Uhl (Sopran), Lioba Braun (Mezzosopran), Peter Gaillard (Tenor) und Tigran Martirossian (Bass) auf. Dieses Konzert sollte auch an die jüdischen Bürger gemahnen, die vor 70 Jahren in der „Reichspogromnacht" ermordet wurden oder in Folge der Ausschreitungen der SA, SS und weiterer NS-Organisationen starben. Zugleich soll dieses Requiem auch nahelegen, dass der Tod nicht das Ende bedeutet.
Schon die erste, stille Melodie in den Violoncelli lässt aufmerken. Die daraufhin einsetzenden fast geflüsterten, stets textverständlichen Worte des Chors, ein Pianissimo aus so vielen Kehlen, die die ersten Worte des Introitus wiedergeben („Requiem aeternam dona eis, Domine"), beeindrucken zutiefst wie auch das besonders zart nachgezeichnete „et lux perpetua luceat eis" („und ewiges Licht leuchte ihnen"). Solch elegante Klänge, die alsdann in anschwellende Crescendi sich ausdehnen, diese Intonationsstärke und insgesamt musikalische Gestaltungskraft lassen schon zu Konzertbeginn die 800 Zuhörer staunen.
Beeindruckend bleiben auch die fast schmerzhaften Fortefortissimi im „Dies Irae", dem größten Abschnitt des Werks. Das Orchester steht auch an dieser Stelle den Choristen in nichts nach. Die erschlagende Gewalt ist beabsichtigt, hier gelingt es Römer wahrhaft, ein Hämmern und verzweifelten Schreien aus den Instrumenten und Stimmen herauszumeißeln, bis die Trompeten aus der Ferne, von der Orgelempore, das „Tuba mirum" verkünden.
Die Solisten überzeugten sowohl gemeinsam als auch einzeln aufgrund ihrer großen Ausdrucksstärke und Stimmgewalt (im besten Sinne). Im Eingangssatz entspinnen sich dabei im „Kyrie Eleison" mit den aufeinanderfolgenden Sequenzen (Tenor, Bass, Sopran, Mezzosopran) leuchtende Klangweiten. Solistisch besonders erwähnenswert sind die Leistungen Brauns im „Dies Irae" („Liber scriptus proferetur"), das die Mezzosopranistin mit warmem Timbre, schlankem, keineswegs dünnem Ton intoniert. Gaillards Partie „Ingemisco tanquam reus" („Dies Irae") ist aus einem großem Guss gestaltet, warm und weich, trotzdem kräftig und konkret. Martirossian deckt im „Confutatis maledictis" („Dies Irae") alle dunklen, kräftigen Farben ab, es ist das mächtige, zugleich innig Gestaltete, das seine Partien auszeichnet.
Von geradezu außerordentlicher, ja berückender Grazie, Stärke und Schönheit sind die künstlerischen Fähigkeiten der Sopranistin Uhl, die diese besonders zur Geltung bringen konnte im abschließenden „Libera Me". Ihr Ton ist selbst in den höchsten Lagen oder im Pianissimo ebenso präsent und leuchtend wie im Fortissimo. Ihr Gesang verzaubert und nimmt mit, es ist ein Geschenk, dieser Künstlerin zuhören zu dürfen. Grandios!
Das Werk bleibt eine wahre Herausforderung, auch und besonders für den Leiter. Römer vollbrachte an diesem Abend Großes, er setzte kleine wie ausgedehnte, immer bestimmte Gesten, den Blick aufs Gesamte gerichtet, ohne dabei irgendein Detail (und davon gibt es etliche!) zu vernachlässigen.
Nach dem Konzert entlud sich in der St.-Andreas-Kirche heftiger Beifall: Standing Ovations von geradezu überwältigender Stärke an die gut 200 Mitwirkenden, die zu diesem qualitativ ausgezeichneten Ergebnis beigetragen hatten.
Birgit Jürgens
HILDESHEIMER ALLGEMINE ZEITUNG, Dienstag, 11. November 2008
Unna. Es ist ein großes und großartiges Werk, Guiseppe Verdis „Requiem“. Fast opernhafte Momente wechseln mit einer Verinnerlichung, die bedingt durch eine stark ausgeweitete, vielseitige Harmonik ins Sphärenhafte verweist.
Die Philipp-Nicolai-Kantorei hatte sich zusammen mit der St.-Andreas-Kantorei Hildesheim (Einstudierung Bernhard Römer) dieses ausdrucksstarken Werkes angenommen und führte es unter Leitung von Kantorin Hannelore Höft am Samstagabend in der Stadtkirche mit dem Höchberger Kammerorchester auf.
Musikalisch wurde sehr viel Wert auf einen klaren Duktus und ein imposant abgestimmtes Klangbild gelegt. Die chorische Textverständlichkeit paarte sich mit einem stets dem inneren Gefüge gehorchendem Ausdruck, der, schon zu Beginn nicht nur durch die Klangreinheit, sondern vor allem auch durch den Gegensatz des kraftvollen „Gotteslobes“ und der sehr weichen, ätherischen Gestaltung „ewiger Ruhe“ Leben gewann.
Im Mittelpunkt der Werkinterpretation stand hier die fast drastische Gegenüberstellung von Innigkeit und kraftvoller Beleuchtung der Ereignisse, die mit dem Zorn Gottes verbunden sind, wobei Hannelore Höft die musikalisch ineinander verwobenen Linien so artikulieren ließ, dass das Geschehen in seiner Gesamtheit Plastizität gewann.
Ein geschickt verwobener Klangzauber, der schließlich in der Schlussfuge des „Libera me“ kulminierte und hier auch Manuela Uhl – die den solistischen Sopranpart übernommen hatte – bei ihrer spannungsreichen Interpretation äußerstes Gespür abverlangte. Klangschönheit und eine weiche, stets verständliche Aussage bitten bei ihr demütig um die Befreiung von einem Todesinferno, das sie selbst zuvor im „Dies irae“ mit Drastik gezeichnet hatte.
Eindrucksvoll die Verschmelzung solistischen und chorischen Ausdrucks zu einer Klangeinheit: Ein herausragendes Solistenquartett in dem Mezzosopranistin Liboda Braun mit ihrer feinnervigen, bruchlos samtigen Tongestaltung nicht nur im „Liber scriptus“ hervortrat.
Tigran Martirossian überzeugte mit einer sehr tiefgreifenden, klaren und kraftvollen musikalischen Diktion, wenn der Bassist etwa im „Tuba mirum“ das Gericht Gottes und und im „Confutatis“ die Erlösung nach dem Fegefeuer zum Ausdruck bringt.
Tenor Peter Gaillard oblag es hingegen im „Ingemisco“ die Reue des schuldigen Menschens in klangschönes Flehen um Versöhnung zu fassen. Eine Stimmgestaltung, die auch im Zusammenklang mit den anderen Solisten und dem Chor kraftvolle Identität wahrte. Eckhard von Gerke
HELLWEGER ANZEIGER, Montag, 10. November 2008
Ein wenig herablassend wird Verdis „Requiem” häufig als „Totenoper” bezeichnet.
Zum einen vielleicht, weil das Werk nicht für liturgische Zwecke, sondern für das Konzertpodium geschrieben wurde. Zum anderen trägt die teilweise sehr effektvolle Musik des Opernkomponisten selbst einiges dazu bei, dass der Hörer die Totenmesse an manchen Stellen als Oper empfinden mag.
Am Samstag wurde das Werk in der Stadtkirche aufgeführt – äußerst glanzvoll. Lioba Braun, Bayreuths Brangäne unter Barenboim 1994, hatte Kantorin Hannelore Höft für den Mezzopart gewinnen können. Und der Star hielt, was sein Name versprach: Gesangskultur pur. Voluminös und doch schlank geführt ist die Stimme, weich, warm, ohne jede Verdickung das Brustregister, wenn Lioba Braun ihren vollen Mezzo in das „Liber scriptum” strömen lässt.
Aber auch die drei Partner konnten sich hören lassen, allen voran Manuela Uhl mit lyrischem, silbrigem Sopran, der sich im „Recordare” homogen an den Mezzo schmiegte. Kultiviert in der Höhe und mit fast unglaublich voller Tiefe gestaltete Tigran Martirossian die Basspartie, während Tenor Peter Gaillard vor allem die opernhaften Momente seiner Partie herausstrich und in der Höhe sehr kraftvoll agierte.
Die Philipp-Nicolai-Kantorei und die St. Andreas-Kantorei Hildesheim bildeten gemeinsam den stimmgewaltigen, sehr homogenen Chor, der sehr differenziert agierte: Dramatisch gestaltete er das „Dies irae”, eher schwelgerisch die „Lacrimosa, dies illa”, sehr klar strukturiert das „Sanctus”.
Das von Hannelore Höft sehr durchsichtig und klar geleitete Höchberger Kammerorchester entfaltete an den entsprechenden Stellen eine große sinfonische Klangfülle und bildete für Chor und Solisten eine verlässliche und farbige Projektionsfläche.
Ein wunderbarer Lichtblick im Trauermonat November.
Martina Lode-Gerke
Westfälische Rundschau, Montag, 10. November 2008
HILDESHEIM. Man bricht sich keinen Zacken aus der Krone, wenn man es mal ausspricht, das Lob. Und jemandem zu danken, dürfte auch noch keinem geschadet haben.
Das Motto „Lob und Dank“ hatte der Organist und Leiter des Kammerchors Hildesheim an St. Andreas, Bernhard Römer, gewählt und dazu Musik aus vier Jahrhunderten ins Programm genommen.
„Lob“ zog auch mit Hugo Distlers vierstimmiger Choralmotette „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ auf dem Programm. Dieses Werk sprüht zwar nicht vor Originalität, denn hier setzte Distler, dessen Geburtstag sich zum 100. Mal jährt, im Gegensatz zu seinen sonstigen Werken kaum markante rhythmische oder gar kühne harmonische Akzente.
Aber ein schlichtes Werk wie dieses muss erstens nicht von niedriger Qualität sein und kann zweitens allemal von einem guten Chor angemessen einfach dargeboten werden: transparent, ohne sowieso entbehrliche Übertreibungen. Es kommt eben auf die Umsetzung an. Und dass der Kammerchor sich nach wie vor auf hohem künstlerischem Niveau bewegt, wurde auch in diesem Konzert wieder deutlich.
Und ebenfalls der „Dank“ in Johann Christoph Altnikols fünfstimmiger Motette „Nun danket alle Gott“ fand die angemessene Übersetzung in den Notentext. Leiter und Choristen konnten hier auf Vielschichtigkeit und dezente Farben setzen. Die sehr gute Intonation, ausgewogene Stimmmischung, kurzum ein distinguierter Gesamtklang, sprechen auch an dieser Stelle für die hohe Qualität des Chors.
Besonderer Glanz zog ein, als Anton Bruckners „Locus iste“ intoniert wurde, detailliert und elegant gearbeitet, mit großer Gestaltungskraft, mit filigranen Stimmen ausgestattet, die das Geheimnis dieser Gottesstätte, der kein Makel anhaftet, wunderbar erhellend vorstellen.
Dass dieses Werk nochmals als Zugabe besonders gut ankam, liegt auf der Hand. Manchmal sind es eben nur wenige Takte (48), eine strahlende Tonart (C-Dur) und technisch geringe Anforderungen, die große Wirkungen hervorbringen können.
In der fünfstimmigen Motette „Schaffe in mir, Gott, ein rein Herz“ (op. 29 Nr. 2) von Johannes Brahms kamen abschließend nochmals die Merkmale der Sängerinnen und Sänger zum Tragen, die zum guten Ton des Chors beisteuern: Homogenität, technische und musikalische Sicherheit, überzeugende Gestaltung.
Und Römer brachte an der Orgel außer zehn von Distlers kurzweiligen „Dreißig Spielstücke(n) für die Kleinorgel“ die Schwere von Bruckners Vorspiel und Fuge c-Moll und Brahms’ dramatisches Werkpaar Präludium und Fuge g-Moll zum Klingen.
Auch hier stand das Motto des Konzertprogramms Pate: „Lob und Dank“ – übrigens nach diesem Konzert auch mal wieder an Chor und Leiter. Birgit Jürgens
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Dienstag, 23. September 2008
HILDESHEIM. „Wenn jemand eine Reise tut, / So kann er was erzählen.“ So heißt es in Matthias Claudius’ Gedicht „Urians Reise um die Welt“. Andreaskantor Bernhard Römer nahm das Publikum zwar nicht mit auf eine Weltreise, aber er lud die Besucher des Orgelkonzerts in der St.-Andreas-Kirche zu einer Barockmusik-Reise durch Mitteldeutschland und Norddeutschland ein. Und er konnte auch „erzählen“ von seinen sechs Stationen, die er bereist hatte: Arnstadt, Lübeck, Lüneburg, Husum, Hannover und – Hildesheim. Vorstellen sollte er bekannte und weniger bekannte Impressionen.
Aus Dieterich Buxtehudes fantasievoller Toccata in d (BuxWV 155) schöpfte Römer zu Beginn des Konzerts dunkle, imposante Klangfarben. Energisch und frisch gestaltete der Organist Buxtehudes Praeludium in D (BuxWV 139). Die virtuosen freien Abschnitte rauschen hier wellenförmig, aufschäumend dahin. Buxtehude hatte 1668 an der St.-Marien-Kirche in Lübeck seine Stelle angetreten, und vielleicht hat ihn ja die Ostsee inspiriert? Vielleicht aber auch nicht.
Nicolaus Bruhns’ Praeludium in G - hier sind Hände und Füße besonders gefordert - musizierte Römer mit enormer Leichtigkeit und Spielfreude: Deutliche Strukturen in der Einleitung, der sechsstimmigen Fuge und dem vertrackten Postludium bestimmten diese Interpretation. Ein bleibendes Andenken, das Römer aus Husum mitgebracht hat.
Platz für kaum Gespieltes
Dass man auch kaum Gespieltes zu Ohren bekam, auch dafür sorgte Römer, der Andreas Knellers Praeludium und Fuge in d vorstellte. Kneller, der 1667 zum Organisten an der Marktkirche St. Georgi et Jacobi in Hannover ernannt wurde, verdient es, wie man spätestens nach diesem Vortrag weiß, häufiger gespielt zu werden. Und das sollte man auch einem der Amtsvorgänger Römers zubilligen, nämlich Arnold Melchior Brunckhorst, der ein einziges, aber hörenswertes Orgelwerk, ein Praeludium e-Moll, hinterließ.
Am Ende dieser Reise durch die überwiegend norddeutsche Orgelschule und Landschaft stand Bach auf dem Programm. Der wirkte von 1703 bis 1707 an der Neuen Kirche in Arnstadt in Mitteldeutschland und reiste 1705 nach Lübeck zu Buxtehude. Und blieb länger bei dem Meister, als ihm das Arnstädter Konsistorium zugebilligt hatte. Das gab Ärger. Doch Bachs Werken hat der eigenmächtig verlängerte Urlaub keineswegs geschadet.
Bachs Präludium und Fuge E-Dur (BWV 566) gestaltete Römer mit großer Fluidität, so dass besonders die toccatenhaften, aber auch die Fugenabschnitte ihren eigenen Reiz erhielten. Typisch norddeutsch hier: die Ostinato-Technik. Darüber hinaus konnte man musikalische Gemeinsamkeiten und Unterschiede der jeweiligen Regionen erkennen. Und im Bach-Werk existieren sehr wohl Ähnlichkeiten mit Werken Buxtehudes und konkret mit Bruhns’ Präludium G-Dur.
Standing Ovations für den „Reiseleiter“, der interessante Kostbarkeiten geliefert hatte.
Birgit Jürgens
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Dienstag, 02. September 2008
HILDESHEIM. Heftige Stürme ziehen am Notenhimmel auf, gekleidet in drastische, auch dunkle Töne, gefahrvoll - und trotzdem angenehm. Wie geht das zusammen? Man nehme dramatische Evangelienmotetten, verbinde sie mit brückenbildenden Versen aus den Evangelien (die allerdings nicht vorgetragen werden, sondern lediglich im Programmheft abgedruckt sind) und würze das Ganze noch mit einigen Orgelwerken. Kreiert wurde dieses Rezept von Bernhard Römer, der mit der St.-Andreas-Kantorei große Literatur erarbeitet hatte und diese sowie drei Orgelwerke delikat servierte.
Bereits mit Hans-Friedrich Micheelsens Präludium, Passacaglia und Fantasie aus dem „Holsteinischen Orgelbüchlein“ zog sie in die St.-Andreas-Kirche ein, diese willkommene Unruhe, die Römer abgesehen von der Passacaglia immer wieder vorantreibt und die unter anderem ebenfalls im ersten und dritten Satz aus Hindemiths „Sonate II“ für Orgel nochmals heftig aufschwingt.
Die Kantorei fiel unter Römers gewohnt exaktem und klarem Dirigat in diesen Grundtenor ein, als sie die vierstimmigen Motetten Ernst Peppings (1901-1981), das „Gleichnis vom Unkraut zwischen dem Weizen“ und „Jesus und Nikodemus“, intonierte (und das übrigens sehr wohl). Zudem konnte das Publikum sich an der rhythmischen Präzision, sehr guter Textverständlichkeit und enormer Präsenz (am Notentext klebt hier keiner!) erfreuen, die erst die Dramatik auch dieser Motette versinnbildlicht.
Sinn für das Gesamte
Siegfried Strohbachs anspruchsvolle vier- bis sechsstimmige Evangelienmotette „Jesus, der Retter im Seesturm“ (komponiert 1957) zeichnet die Kantorei mit genauem Strich und Sinn für das Gesamtgebilde treffend nach. Große dramatische Crescendi, volle Energie und Stilsicherheit bringen den Wind mächtig auf, bis er schließlich doch noch schweigt. Die Kantorei gestaltet dabei das Schluss-Decrescendo bis zur Stille so eindrucksvoll, dass man kaum einen Atemhauch wahrnehmen kann. Doch dass zum Schluss alles gut wird, konnte man bereits den Evangeliumsversen über „Die Stillung des Sturms“ (Lukas 8, 22-25) entnehmen.
Zoltan Kodálys vier- bis achtstimmige Motette „Jesus und die Krämer“ lautmalt die Tempelreinigung Jesu, und die Kantorei meistert dieses komplexe und komplizierte Werk beachtlich. Die große dramatische Verdichtung gelingt, Angst und Schrecken, angelegt in der bisweilen scharfen, dissonanten Harmonik dieser Tonsprache, verbreiten sich hier besonders durch genaue, aber nie zu groß angesetzte dynamische Steigerungen (wozu das Werk ja durchaus verleiten kann). Einmal mehr bleibt zu konstatieren, dass auch an dieser Stelle die enorme Sicherheit der Choristen begeistert.
Heftige Ovationen für die Ausführenden, und so durfte Strohbachs Werk abschließend nochmals ganze Wirkung entfalten. Ergo zogen sich verschiedenste Formen von Stürmen wie rote Fäden durch das Programm, bereit zum Losbrechen wie aber auch zur „Stillung“. Birgit Jürgens
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Dienstag, 01. Juli 2008
HILDESHEIM. „Gleichnisse“ – so lautete das Thema des Chor- und Orgelkonzerts mit Bernhard Römer und dem Kammerchor an St. Andreas. In diesem Konzert bestätigte sich der gute Ruf des Kammerchors, und mit Bernhard Römer an der Orgel wurde die Choral-Passacaglia des vielseitigen Komponisten Karl Höller (1907–1987) zur Entdeckung des Abends.
Dieser begann mit Bachs Praeludium und Fuge h-Moll BWV 544 für organo pleno, also volles Orgelwerk mit sämtlichen Registern. Der wunderschöne Klang der Beckerath-Orgel trug Bachs dichte Stimmenführung ins hohe Kirchenschiff.
In drei Evangelienmotetten von Zeitgenossen des 16. Jahrhunderts wurde das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg verarbeitet, dessen Kernaussage „die Letzten werden die Ersten sein und die Ersten die Letzten“ das Himmelreich mit einem Hausvater vergleicht, der allen Arbeitern trotz unterschiedlicher Arbeitszeiten den gleichen Lohn zuteilt.
Fröhlich klangen die Motetten der evangelischen Komponisten Melchior Vulpius (1570–1615) und Andreas Raselius (1563–1602), etwas besinnlicher diejenige von Melchior Franck (1580–1639).
Die 18 Sänger des Kammerchors unter der einfach-klaren Leitung von Bernhard Römer interpretierten mit bester Textverständlichkeit und charaktervollem Klangverständnis.
Den ganz besonderen Höhepunkt innerhalb des anspruchsvollen und abwechslungsreichen Programms stellte jedoch Karl Höllers Choral-Passacaglia über „Die Sonn’ hat sich mit ihrem Glanz gewendet“ für Orgel aus dem Jahr 1962 dar.
Deren fahle Sonnenuntergangsstimmung steigerte sich mit originellen thematischen Einfällen bis zu einem furiosen Mittelteil mit beeindruckend grandiosen Akkorden, die noch filigran umspielt wurden. Alle Möglichkeiten des Instruments schienen ausgeschöpft – von näselnden bis zu weichen Registern, rhythmisch wuchtig und von Atempausen durchsetzt, bis Bernhard Römer das stimmungsvolle und wohltönende Werk im decrescendo ausklingen ließ.
Nicht viel weniger interessant die beiden zwölftönigen Evangelienmusiken für vierstimmigen Chor von Wolfgang Hufschmidt ( Jahrgang 1934) über die beiden Gleichnisse „Der Sämann“ und „Der ungerechte Richter“.
Der Kirchenmusiker und emeritierte Kompositionsprofessor Hufschmidt baut in der weitaus tonaleren zweiten Komposition den Spannungsbogen konsequent und geschlossen auf, während im ruhigen und handfesten „Sämann“ besonders die gut intonierenden Einzelstimmen der Sänger zur Geltung kamen. Solch eine Zwölftonmusik schreckt niemanden ab, ganz im Gegenteil!
Die von Nicola Kudraß gelesene besinnliche Nachfrage, welche Rolle Jesus wohl im eigenen Leben spielt, und das von weiteren Chormitgliedern vorgetragene Rollenspiel zum Gleichnis der „Witwe und dem ungerechten Richter“ brachten einen sehr ernsten, fast schon mahnenden evangelischen Aspekt in den Abend.
Dazu passte Andreas Piepers (Jahrgang 1958) Orgelmeditation über den 139. Psalm aus dem Alten Testament. Die flächigen Akkorde wurden von Römer düster-spannungsvoll umspielt und in einen unbestimmten Schlussakkord entlassen.
Mit der Lesung aus dem Matthäus-Evangelium „Vom Unkraut unter dem Weizen“ wurden die Zuhörer wieder ins 16. Jahrhundert zu Melchior Vulpius Evangelienmotette zu vier Stimmen über dieses Gleichnis zurückgeführt. Hervorzuheben sind hier die klaren Sopranstimmen – dezent gestützt von den Mittelstimmen und dem Bass.
Als letztes Kleinod des Abends gab es eine kurze Komposition zu fünf Stimmen von Großmeister Heinrich Schütz (1585 bis 1672 ) zu hören, dessen Motette SWV 376 fast Tanzcharakter hat. Ein Wunder, wenn man bedenkt, dass diese Motette am Ende des 30-jährigen Krieges von einem schwer mitgenommenen Schütz komponiert worden war.
Viel Applaus und hochzufriedene Gesichter bei Zuhörern und Ausführenden. Und draußen schien nach dem wolkenverhangenen Nachmittag plötzlich wieder die Sonne.
Anne Kosbahn
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Mittwoch, 28. Mai 2008
HILDESHEIM. Letzte Worte, Schmerz, Trauer und Tod. Gemäß der Passion nahm sich der Kammerchor Hildesheim an St. Andreas dieser Themen im Konzert am Karfreitag in der St.-Andreas-Kirche an und bebilderte sie musikalisch reichlich. Der Chorleiter Bernhard Römer interpretierte zudem drei Orgelwerke.
Außer der thematischen gab es eine weitere Gemeinsamkeit: Sämtliche Kompositionen des Nachmittagskonzerts stammen mit Ausnahme von Francis Poulencs Passionsmotetten aus den Federn romantischer Tonsetzer.
Eingangs stimmte Römer Felix Mendelssohn Bartholdys düsteres Werkpaar Präludium und Fuge c-Moll (op. 37 Nr. 1) an. Mit César Francks „Prélude, Fugue et Variation“ (op. 18) für Orgel stellte der Ausführende hingegen auch helle, elegische Momente in den Raum. Doch insgesamt fand sich bereits quasi antizipatorisch im Notentext dieser unprogrammatischen Orgelwerke und auch in der Interpretation Römers das, was sich nahezu durch das gesamte Konzert hindurch zog: das tiefe Durchdringen schmerzlicher Klangwelten und Themen.
Technisch wie musikalisch sicher
Die 20 Sänger des Kammerchors legten in sämtliche Werke Klangvielfalt, eine gute Stimm-Mischung, hervorragende Intonationsstärke, Sicherheit auf technischer wie musikalischer Basis. Hier bildet ein homogener Stimmapparat die Grundlage für hohe Qualität. In Friedrich Silchers vierstimmiger Motette „Schau hin nach Golgatha“ (op. 9 Nr. 4) kam zudem ein sehr dezenter, ausdrucksvoller Ton zum Tragen wie auch in Max Regers „Herr, deine letzten Worte“ aus den „Vierzehn Choralbearbeitungen“ zu fünf Stimmen (op. 79f).
Einen musikalisch besonderen Reiz übte in diesem Konzert Mendelssohn Bartholdys achtstimmige Motette des 22. Psalms „Mein Gott, warum hast du mich verlassen“ (op. 78 Nr. 3) aus. Dies lag auch mit daran, dass die Ausführenden die für Mendelssohn Bartholdy teils modernen, ja harmonisch mitunter forschen Klänge, dynamisch erstaunlich facettenreich interpretierten.
So entstand eine formvollendete dramatische Dichte, die abschließend in Poulencs Passionsmotetten „Quatre motets pour un temps de pénitence“ eine weitere Steigerung erfuhr: die Sänger spiegeln textverständlich die dramatischen Bilder der Passion wider, und durch die exakte Ausdeutung der harmonischen, melodischen und dynamisch bisweilen stark gesetzten Gegensätze entfaltet sich in dieser Ausdeutung die volle Wirkung.
Die Choristen vermochten so technisch und interpretatorisch nochmals all ihr Können und Gespür für breit angelegte Empfindungen unter Beweis zu stellen. Bei aller Dramatik in Wort und Ton boten Chor, Organist und Leiter Römer den rund 200 Zuhörern insbesondere auch eines: ein besinnliches Konzert auf sehr hohem Niveau. Birgit Jürgens
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Dienstag, 25. März 2008
HILDESHEIM. Es ist ein kurioses Instrument, das außer dem Cembalo und der Truhenorgel an diesem Abend im Chorumgang der St.-Andreas-Kirche steht: ein Clavichord, ein extrem leise klingendes Instrument, das es dem Spieler ermöglicht, dynamisch zu gestalten. Man kann sogar nach dem Tonanschlag die Tonhöhen verziehen oder ein Vibrato erzeugen.
Mit diesem selten zu hörenden Instrument begann Bernhard Römer den musikalischen Teil der „Kammermusik bei Kerzenschein“, nachdem der Schauspieler Martin-G. Kunze den ersten von insgesamt sechs Originalprogrammtexten Johann Kuhnaus (1660–1722) zu der „Musikalische(n) Vorstellung einiger biblischer Historien, in 6 Sonaten auff dem Klaviere zu spielen“ deklamiert hatte.
Römer formt gekonnt die leisen Töne auf dem schwer spielbaren Instrument. Die Programmatik der fünften Sonate „Der Heyland Israelis: Gideon“ (die Überschriften der einzelnen Abschnitte wurden zum Mitlesen an Bildschirmen präsentiert) übermittelt Furcht, aber auch „Posaunen und Trompeten schmettern“, denn das Leise und enorm Exakte zeigt dramatische Wirkung.
Der Andreaskantor gestaltete im ersten Konzertteil ein musikalisch-thematisches Crescendo. So wechselte er nach dem Einstieg zum Cembalo und interpretierte „Jacobs Tod und Begräbnis“ (sechste Sonate). Hier sprechen Trauer, Trost und Hoffnung aus der Interpretation. Aus dem Abschnitt „Das Begräbniß Israelis und die dabey gehaltene bittere Klage“ zieht Römer mit agogischen Feinheiten all den tiefen Schmerz des Programms.
Dass „Der Streit zwischen David und Goliath“ (erste Sonate) auf der Truhenorgel ausgetragen wird, liegt nahe, denn es geht lautstark zur Sache, was auch Kunze eindringlich rezitiert: „… schnaaauuubt – uuund – braaauuuset.“ Doch schließlich darf man nach mächtigen Kämpfen am Freudentanz teilhaben, den Römer strahlend gestaltet.
Im zweiten Teil des Konzerts war es besonders die abschließende Sonate mit dem Titel „Jacobs Heyrath“ (dritte Sonate), die für Erheiterung sorgte, handelt es sich schließlich um nicht ganz jugendfreie Bibelstellen, die Kuhnau ausgeschmückt hat.
Kunze trägt charmant Kuhnaus ironisch gefärbten Programmtext vor: So wird die Geschichte um die wenig schöne Lea und die hübsche Rahel mit der „Froehlichkeit der Hochzeitsnacht“ zur Komödie.
Jacobs Hochzeitsfreuden halten dann auch musikalisch am Cembalo vor, „bis er einschläft“. Aber die neue Hochzeitsfreude steht schon bevor „oder die Reprise des Vorigen“. Vergnügen und die „Froehlichkeit der Nacht“: und das kam dann auch an.
Viel Beifall von den rund 60 Besuchern, die Konzert und Lesung interessiert und begeistert aufnahmen. Birgit Jürgens
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Dienstag, 19. Februar 2008
...war mein Gedanke beim Lesen Ihrer Besprechung des Konzertes vom vergangenen Sonntag. Selten stand eine Konzertkritik aus meiner Sicht so sehr im Widerspruch mit der wahrgenommenen Atmosphäre während des Konzerts und der Stimmung der Konzertbesucher im Anschluss.
Anders - als mit einem vorgezogenen Faschingsscherz - konnte ich mir deshalb nicht erklären, wie man beispielsweise fehlende Klangpracht und Glanz zu Beginn des Lobgesangs bemängeln kann. Auch von den Solisten Dominik Wörner und Andreas Post mehr Volumen abzuverlangen, halte ich für geradezu gewagt. Mehr Volumen als in diesem Konzert wundervoll zum Besten gegeben, hätte die Statik der St.-Andreas-Kirche kaum vertragen.
Auf der anderen Seite: Eine vergleichsweise offensichtliche Schwachstelle zu Beginn der Bach-Kantate 110 findet bei Ihnen keine Erwähnung. Da drängt sich mir doch noch eine weitere Erklärung für solch sonderbare Beobachtungen auf: Waren Sie evtl. in einem anderen Konzert? Steffen Weichert
Ein in der HAZ nicht erschienener Leserbrief, Samstag, 12. Januar 2008
Wenn Freude, Ergriffenheit und Begeisterung des raumfüllenden Publikums sich in frenetischem Schlussapplaus, Getrampel und Standing Ovations entladen, währenddessen der von Paukenwirbel festlich getragene Silberglanz der Trompeten, die duftige Anmut und gekonnte Brillanz der Flöten, der den fratzenhaften Herodes, Tod und Teufel entsetzende Jubelklang einer durchweg stimm- und klangpräsenten Kantorei in dieser weihnachtsfrohen Melange die Weiten der ehrwürdigen Bürgerkathedrale Hildesheims durchwogt und all dieses in einer Rezension nicht eines Wortes gewürdigt wird, ist Widerspruch zwecks Herstellung eines harmonischen Gleichgewichtes angesagt. Zugegeben: Zwar sind Dissonanzen durchweg Bestandteil der Musik aller Couleur. Wo allerdings im Vortrag nicht am Platze, sind diese, wie geschehen, anzusprechen, was jedoch namentlich für das Magnifikat nicht zutraf, welches sich wie die folgenden Opera einer dorischen Säule gleich standfest erhob. Jedoch geschieht Detailkritik für mich als langjähriger Beobachter und aktives Kantoreimitglied in Hildesheim mit seinem beachtlichen mannigfachen Kirchenmusikangebot mit teilweise verärgernder Ungleichbehandlung: Während die einen sich mit ihrem Opus unüberhörbar mühen jedoch ihres Engagements und vollen Hauses wegen zu loben sind, ein anderer zwar schmalbrüstig aber leider erfolglos irgendwelche Akustikmängel besingt, hat die Andreas-Kantorei diesmal die an das hochberühmte Werk gesetzten und, pardon, durch digitalsterilisierte CD-Konservenkost fehlgenährten Erwartungen nicht erfüllt. Mit freudigem Blick auf das vor uns liegende wieder einmal Gott Lob opulente Hildesheimer Jahr der Kirchenmusik 2008 ende ich mein weniges hiermit und bitte alle Rezensentinnen und Rezensenten, die ja grundsätzlich in Ordnung sind, um geneigte Aufnahme. Dann ist wirklich „Ende gut, alles gut!“
Norbert Algermissen, Hildesheim
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Freitag, 11. Januar 2008
Die Pressefreiheit gebietet die Veröffentlichung der Konzertkritik des „Magnificats“ am 06.01.2008 in der St.-Andreas-Kirche Hildesheim auf dieser Website, auch wenn diese nicht meine Meinung widerspiegelt. Zudem ist eine Konzertbesprechung – entgegen mancher Überzeugungen – immer nur als subjektive Meinungsäußerung ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit zu werten.
Als Dirigent verwahre ich mich jedoch gegen die Behauptung, dass der Beginn des Konzertes auf „wackeligen Füßen“ gestanden habe. Dies entspricht definitiv nicht den Tatsachen.
Bernhard Römer, Dienstag, 08. Januar 2008
HILDESHEIM. Es wird häufig mit Superlativen überschüttet als das festlichste und imposanteste Werk Bachs, dessen „Magnificat“ D-Dur (BWV 243). Eine Komposition, der so gehuldigt wird, weckt hohe Erwartungen.
Die St.-Andreas-Kantorei lud am Dreikönigstag in die St.-Andreas-Kirche ein, um eben auch dieses Opus Bachs unter der Leitung von Bernhard Römer nach neun Jahren wieder in Hildesheim aufzuführen.
Zu Beginn des Lobgesangs erreichen das Bach-Orchester St. Andreas und der Chor noch nicht die Klangpracht und die Detailtreue, die man sich wünscht. Der Eingangssatz „Magnificat“ lässt Schwächen erkennen: Im Orchestervorspiel sind die Strukturen nicht deutlich genug herausgestellt, und der Choreinsatz verlangt mehr Glanz.
Einige Mängel offenbarten sich auch im Zusammenwirken von Solisten, Orchester und Chor: Die Sopranistin Siri Thornhill hätte sich stärker mit ihrer brillanten Stimme in den Vordergrund singen dürfen. Auch vom Bassisten Dominik Wörner wünschte man sich zunächst mehr Volumen, wie auch vom Tenor Andreas Post. Doch diese akustischen Uneben- und Unausgewogenheiten ließen nach und schwanden schließlich.
Das „Suscepit Israel“ mit den Sopranistinnen Thornhill, Barbara van den Boom und der großartigen Altistin Ulrike Andersen geriet zum musikalischen Leckerbissen. Und Chor und Orchester holten mit Pauken und Trompeten mit deftiger Schärfe alles aus dem „Fecit potentiam“.
Auch die Fuge „Sicut locutus est“ kommt stimm- und intonationssicher an. Was zu Beginn des „Magnificat“ noch auf mitunter wackligen Füßen stand, endete schließlich im sicheren Stand im prachtvollen „Gloria Patri“.
In der Kantate zum 1. Weihnachtstag „Unser Mund sei voll Lachens“ (BWV 110) lieferte Post in der Arie „Ihr Gedanken und ihr Sinnen“ in einem großen Bogen, stimmig, klar und souverän seinen Part ab. Das Orchester spielte sich in der Bass-Arie „Wacht auf, ihr Adern und ihr Glieder“ zu sehr in den Vordergrund, so dass Wörner trotz seines hohen künstlerischen Potentials Einbußen hinnehmen musste. Im Duett „Ehre sei Gott in der Höhe“ mit van den Boom und Post kam es in der Continuo-Gruppe zu Unstimmigkeiten, die den Solisten keine homogenen Grundlagen gewährten. Der Abschluss-Choral hingegen glückte vorbildlich.
Der sechste Teil aus dem Weihnachtsoratorium mit dem Eingangschorus „Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben“ wurde zum Highlight des Abends. Hier lieferten die Ausführenden vom Eingangschor bis zum Schlusschoral Transparenz und musikalisches Gleichgewicht. Die Solisten konnten so schicklich ihre Partien entfalten. Thornhill trug in der Arie „Nur ein Wink von seinen Händen“ alle stimmliche Helligkeit und Stärke in den Kirchenraum. Auch das knappe Soloquartett-Rezitativ „Was will der Höllen Schrecken nun“ steckte nunmehr voll künstlerischer Blüte, wie der Choral „Nun seid ihr wohl gerochen“.
Und damit: Ende gut, alles gut.
Birgit Jürgens
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Montag, 07. Januar 2008
(ere) Zum nun schon traditionellen musikalischen Jahresausklang in St. Andreas hatte man das A-cappella-Männerensemble „6cant“ eingeladen. Gemeinsam mit Andreaskantor Bernhard Römer, der zwischendrin auch zum letzten Mal im alten Jahr die Orgel erklingen ließ, gestalteten die Sänger, die sich in den Reihen des Berliner Rundfunkchores zusammengefunden haben, die Silvestersoiree 2007, die diesmal entsprechend unter dem Motto „Firework for vocals and organ“ stand.
Zwei Countertenöre, zwei Tenöre, ein Bariton und ein Bass führten von Vokalwerken der Renaissance bis hin zum Popsong der 1960er Jahre und der jüngeren Zeit im klassischen Gewand des A-cappella-Chorgesangs.
Einziges Problem dabei: die Akustik in St. Andreas, die die schönen Stimmen der Männer in den hinteren Reihen verschwimmen ließ.
Nach dem Beginn mit Orlando die Lassos verzierungsreichem „Bonjour, mon coeur“ und Hans Leo Hasslers „Tanzen und Springen“ geriet das Volkslied „Auf einem Baum ein Kuckuck saß“ im Arrangement der „King`s Singers“ zu einem ersten Höhepunkt. „Kuckuck“ rief es da durch alle Stimmen, als wenn sich die Bewohner eines ganzen Waldes nach St. Andreas verirrt hätten. In einem beachtlichen Tempo vorgetragen, hat dieses Werk den Charakter eines Bravourstückes. Witzig: Am Ende taucht für einige Takte gar das berühmte Thema aus Beethovens Fünfter als Zitat auf.
Bernhard Römer hatte für die Orgel Pastorale und Final aus der 1. Sonate von Alexandre Guilmant (1837-1911) ausgewählt, das in nachdenklichem d-Moll beginnt, sich aber schließlich ins freudig-festliche Dur wandelt. Und so pendelte die gesamte Soiree zwischen Nachdenklichkeit und Freude und auch zwischen Altem und Neuem, was zu einem solchen Anlass ja durchaus angebracht ist: Nachdenken, über das was gewesen im alten Jahr, Vorfreude und viele gute Hoffnungen auf das neue.
Zu den nachdenklichen Stücken gehörte auch „Yesterday“ von den Beatles, das in der Version von „6cant“ galant und ein bisschen versnobt und cool zugleich klingt. Und auch hier spielt das Männerensemble wieder mit einem musikalischen Zitat: denn am Ende schiebt sich wieder für ein paar Takte „I did it my way“ dazwischen. Zu den eher heiteren Stücken gehörte hingegen „Ich wär so gerne Millionär“ und „Gabi und Klaus“ von den „Prinzen“, die hier aber nichts ganz so flapsig wie im Original rüberkommen. „6cant“ hat eben seine ganz eigene Tonsprache entwickelt.
Als Höhepunkt des Konzerts hat Bernhard Römer das „Scherzo for the White Rabbit“ von Nigel Ogden (geboren 1954) ausgegraben. So zieht sich durch dieses süße Orgelstück das Mümmeln und Hoppeln dieses possierlichen Tierchens.
Nach einer fetzigen Instrumenten-Imitation der Sänger klang der Abend doch eher besinnlich und ruhig aus mit Rheinbergers „Abendfriede“ für Orgel und dem Amerikanischen Traditional „Shenandoah“, das Römer und seine Gäste gemeinsam von der Orgelempore hinab erklingen ließen.
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Mittwoch, 02. Januar 2008
Harsum (gs). Die beiden Bachkantaten „Höchsterwünschtes Freudenfest“ und „Ich hab in Gottes Herz und Sinn“ für Soli, Chor und Orchester mit den barocken Texten sollten an den 400. Geburtstag des großen Liedermachers und evangelischen Theologen Paul Gerhardt erinnern. In der katholischen St.-Cäcilia-Pfarrkirche sang unter der Leitung von Kantor Bernhard Römer der St.-Andreas-Kammerchor aus Hildesheim, instrumental begleitet vom Bachorchester St. Andreas.
Der Textdichter Paul Gerhardt hat die Menschen in rund 150 Liedern und Gedichten mit einer klaren, anschaulichen Sprache bewegt. Dieses „sich bewegen lassen“ und dadurch begeistern, fiel dem Publikum in Harsum wegen der anspruchsvollen Texte beider Kantaten aus dem 17. Jahrhundert und wegen des für die Harsumer ungewöhnlich späten Beginns der Veranstaltung sichtlich schwer.
Mehr als 30 von Gerhardts Liedtexten stehen im evangelischen Gesangbuch. Nicht wenige davon haben auch Eingang ins katholische „Gotteslob“ gefunden, darunter das bekannte Sommerlied „Geh aus mein Herz und suche Freud“ oder das Passionslied „Oh, Haupt voll Blut und Wunden“.
Seit zwei Jahrzehnten pflegt Harsum wegen des örtlichen Cäcilia-Patronatsfestes jeweils im November hochrangige Konzerte. Zu den Höhepunkten zählten unter anderem das Bernward-Oratorium mit dem Hildesheimer Domchor und dem NDR-Sinfonieorchester, das Heidelberger Kammerorchester sowie das europäische Kammerensemble „Camerata Vivaldi“, Bachs Messe in h-Moll mit dem Chor „Canzonetta“ Köln und ein Gala-Konzert des weltbekannten russischen Marine-Orchesters aus St. Petersburg.
Die faszinierende Kulisse in der monumentalen, spätromanischen Gewölbebasilika St. Cäcilia beeindruckte die Konzertbesucher optisch. Der Chor und das 15-köpfige Orchester formierten sich direkt unter der 15 Meter hohen Vierungskuppel.
Der aus 18 Sängern bestehende Chor meisterte in beiden Werken mühelos alle geforderten Wechsel in Tempo, Rhythmik und Dynamik und bescherte den Hörern eine durchweg gute Interpretation bei den Bachkantaten. Beeindruckend war die Bassstimme von Peter Kubik, die vor allem in der zweiten Kantate bei der Arie „Das Brausen von den rauen Winden, Macht, dass wir volle Ähren finden“ voll überzeugte. Außerdem überragte der 29-Jährige auch im Duett mit der Sopranistin Sabine Petter gleich mehrfach. Der aus vielen europäischen Konzertsälen bekannte Tenor Henning Klocke lieferte ebenfalls starke Auftritte in beiden Bachkantaten.
Pastor Hans Uhlmann referierte über Paul Gerhardt, der als Wegbereiter der barocken Lieddichtung gilt, in Gräfenhainichen geboren wurde und in der Zeit des verheerenden 30-jährigen Krieges lebte.
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Dienstag, 20. November 2007
HILDESHEIM. Licht kann man in vieles bringen, etwas kann ans Licht kommen, Licht kann auch auf etwas fallen. Sicher kann man immer sein, dass bei den Konzerten in der Taufkapelle der St.-Andreas-Kirche Licht da ist, Kerzenlicht, das für ein wohliges Ambiente sorgt. Auch in der achten Veranstaltung der Reihe „Hommage à Buxtehude“, die bestritten wurde von Elfriede Stahmer (Barockvioline), Frauke Hess (Viola da Gamba) und Bernhard Römer (Cembalo), mangelte es nicht daran.
Umrahmt wurde das Programm von zwei der eher selten zu hörenden Triosonaten Buxtehudes, (es gibt derer insgesamt vierzehn), die man spätestens jetzt erkunden konnte. In der Triosonate G-Dur (BuxWV 253) waren sich die Ausführenden überwiegend einig, doch Stahmer hätte sich mehr in den Vordergrund spielen dürfen. Vor allem im Largo, Arioso con variationi, vermisste man geigerische Präsenz.
Tadellos hingegen die Wiedergabe der Triosonate g-Moll (BuxWV 261). In die ersten beiden Sätze packen die Künstler pulsierendes Leben. Jede Stimme kommt klar strukturiert durch das polyphone Dickicht. Im Andante stimmen die Musiker zartes Geflüster an, um abschließend in der Gigue nochmals richtig loszulegen: fix, deutlich, kräftig.
Nicht alles klingt frei
Nicht ausschließlich Kammermusik für Violine, Viola da Gamba und Cembalo schenkten die Interpreten ihren zahlreichen Zuhörern, sondern sie traten auch solistisch auf. Stahmer, seit 2002 Professorin an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover, nahm Vorlieb mit zwei der zwölf Fantasien für Violine ohne Bass von Telemann. Hafteten der Fantasie A-Dur (TWV 40:18) Intonationsschwächen und klangliche Mängel (nicht jeder Ton klang frei, einiges gequetscht) an, reichte die Geigerin in der Fantasie F-Dur (TWV 40:24) den Notentext sicher und wohlklingend dar. So konnte man in Gedanken auf einem großen Klangteppich mitwandeln.
Hess, die dieses Jahr ihr Studium mit Konzertexamen an der Hochschule für Künste Bremen, Abteilung für Alte Musik, abgeschlossen hat, musizierte mit Römer Bachs Sonate D-Dur (BWV 1028). Ihr samtiger Ton verleiht dem Adagio und Andante angenehme Wärme. Im zweiten Satz (Allegro) fehlte zwar beiden Spielern streckenweise die Struktur und Klarheit. Doch im Schlusssatz fanden beide Interpreten zu ihrer Form zurück und gaben sich gegenseitig die Töne passgenau in die Hände.
Römer bot solistisch Buxtehudes „Aria con variationi“ (BuxWV 246). Er fährt in den zehn Variationen über das schlichte Thema auf, was der Notentext hergibt: Schwere und Schwung mit Gehalt. Und ohne lichte Stellen. Birgit Jürgens
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Mittwoch, 17. Oktober 2007
HILDESHEIM. Einige schauen sich noch die Exponate und Texte in den Vitrinen an, Harald Nikelsky und die Musiker sind auf ihren Positionen im barocken Musikzimmer. Noch gibt es sie, die Buxtehude-Ausstellung im Chorumgang der St.-Andreas-Kirche, die Dr. Stefan Bölke in Zusammenarbeit mit Bernhard Römer konzipierte. Rund 11 000 Besucher haben die Ausstellung in den knapp drei Monaten gesehen, allerdings kann diese interessiert aufgenommene Barockwelt nach der „Hommage à Buxtehude VII“, einer Lesung mit Musik unter dem Titel „Eine Pilgerfahrt nach Lübeck“, inzwischen nicht mehr bewundert werden. Also Augen und Ohren auf.
Christoph Heidemann und Birgit Fischer (Barockvioline), Martin Fritz (Barockvioloncello) und Bernhard Römer (Orgel und Cembalo) stimmten ein auf Bachs Pilgerfahrt mit Buxtehudes Sonate G-Dur (BuxWV 271) für zwei Violinen, Viola da Gamba und Basso continuo. Exzellentes, professionelles Zusammenspiel, hervorragende Intonation, hier passte alles bei den Musikern um den Primgeiger Heidemann, der unter anderem Konzertmeister und Leiter des Barock-Ensemles „L’Arco“ ist.
Nikelsky breitete mit der Lesung von Hans Francks Novelle „Die Pilgerfahrt nach Lübeck“ die Erfahrungen, die der 20-jährige Bach bei Buxtehude sammelte, in Hildesheim aus. Köstlich: Die mitunter süffisant ausgeschlachtete Interpretation des potentiellen Kuhhandels. Denn sollte Bach Nachfolger Buxtehudes an St. Marien in Lübeck werden, so müsste er dessen 30-jährige Tochter Anna Margareta „als Knochenbeilage in Kauf nehmen“ und könnte seine verehrte Base Maria Barbara Bach nicht mehr ehelichen!
Von markant bis zickig
Nikelsky fand schnell zu seiner Form: Stimmgewaltig, markant, grandios wandlungsfähig, mal mit ironischem Unterton oder auch zeternd, zickig, nahezu hysterisch, bauten sich dank dieser Deklamation geradezu leibhaftig die Figuren vor dem geistigen Auge des Publikums auf: der gelassene, selbstbewusste Bach, die tragikomische Jungfer und der alte Buxtehude spielten so mit den Musikern im Barockzimmer oder auch in der Lübecker Kirche ihre Partien. Damit konnte das Publikum die Figuren durch die gelungene Verquickung gleich mehrfach hören – und sehen.
Dass die Werke nicht immer am Stück erklingen, liegt natürlich an der Novelle: Angedeutete Werkanalysen – auch die des Praeludiums fis-Moll (BuxWV 147), – programmatisch unterbrochen und wieder aufgenommen, bleiben so allerdings garantiert.
Doch dann das: Musik aus der Konserve! Ausnahmsweise genehmigt, denn man konnte wohl nicht noch um der Einhaltung der Werktreue der Novelle willen Chor, Orchester und Solistin für Bachs Alt-Arie „Schläfert aller Sorgen Kummer“ aus der Kantate „Gott ist unsere Zuversicht“ (BWV 197) erwarten. Aber der Schlusschoral „Du süße Lieb“ mit Kerstin Nestler (Sopran) und den Instrumentalisten war wieder live. Ende gut, alles gut, kein Kuhhandel, denn Bach wollte schließlich nur eins: „Buxtehude hören.“
Buxtehude zieht nun zwar aus, aber bleibt trotzdem, denn die Konzerte werden schließlich fortgesetzt.
Birgit Jürgens
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Donnerstag, 27. September 2007
(jür) Er titelte sein Programm „Jubilare 100 – 250 – 300 – 350“ und erinnerte damit an Jean Langlais (100. Geburtstag), Domenico Scarlatti (250. Todestag), Dieterich Buxtehude (300. Todestag) und Michel-Richard Delalande (350. Geburtstag). Allerdings lockte das Programm nicht viel Publikum in die St.-Andreas-Kirche: Gerade einmal 30 Zuhörer hatten sich das Orgelkonzert „Hommage à Buxtehude VI“ mit Rudolf Kelber, Kirchenmusikdirektor der Hauptkirche St.-Jacobi Hamburg und damit auch Organist an der dortigen weltberühmten Arp-Schnitger-Orgel, angehört. Und das war schade, denn der Musiker hatte – um es gleich vorab zu sagen – viel zu bieten.
Umrahmt wurde das Programm von Kompositionen Langlais\'. Die Gestaltung der fünfsätzigen, polyphon angelegten „Suite Médiévale“ (Mittelalterliche Suite) stach besonders hervor, was auch daran lag, dass Kelber neben gejagter Ruhe im „Tiento“ sirrende Stille in der „Improvisation“ erzeugte. Er vereinte diese Gegensätze, hielt damit eine geheimnisvolle Spannung aufrecht. Ebenso die „Méditation“ brachte tiefe Einsichten in die Komposition, denn der Interpret schuf phantastische Sequenzen, unendliche Weiten. Die 1947 komponierte Suite brachte der Ausführende schließlich schwungvoll, mit aller Macht für die groß angelegten „Acclamations Carolingiennes“, zu Ende.
Dass Buxtehude in einem Veranstaltungszyklus, der dessen Namen trägt, nicht fehlen darf, ist klar. Kelber spielte unter anderem Buxtehudes Praeludium E-Dur (BuxWV 141). Der Organist bevorzugt es, dieses einsätzig-mehrteilige Werk in den freien Abschnitten relativ (tempo-)streng zu gestalten. So bleibt der Unterschied zu den fugierten, angemessen ernsten und einheitlichen Passagen, lediglich mäßig kontrastreich.
Weshalb der Komponist Delalande, der 43 Jahre am Hofe des „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV und Ludwig XV, weilte, eher mehr als minder in Vergessenheit geraten ist, lässt sich nicht sagen. Dass er allerdings hörenswerte Werke hinterließ, wusste man spätestens nach Kelbers pompöser, galanter und bestimmter Präsentation der „Grand Air“. Gleichfalls erinnerungswürdig: Delalandes machtvolle, originelle „Fantaisie ou Caprice“ in Rondoform. Der Interpret setzt hier deutlich markant die trüben Momente der Moll-Abschnitte gegen die helle Freude, die im B-Teil kompositorisch angelegt ist. Glanzvolle Klänge beenden dann auch das Werk.
Kaum Bekanntes und Bekanntes gaben sich so die Klinke in die Hand. Eindrucksvoll war's allemal.
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Montag, 27. August 2007
HILDESHEIM. Dieses Mal verband sie Theologisches und Musikalisches, die Reihe „Andreas um 6“ in der St.-Andreas-Kirche. Alles drehte sich um den berühmten Kirchenmusiker Dietrich Buxtehude, dessen Todestag sich in diesem Jahr zum 300. Mal jährt. Andreaskantor Bernhard Römer hat einen 14-teiligen Veranstaltungszyklus ins Leben gerufen, der sich über das ganze Jahr erstreckt und die Facetten von Buxtehudes Werk wie Orgel-, Kammer- und Chormusik der Öffentlichkeit vorstellt. Ein Teil dieser Veranstaltungsreihe ist eine Ausstellung über den Komponisten.
Zunächst wurde mit viel Musik von Buxtehude auf das Thema eingestimmt, und das machte Lust darauf, mehr über Leben und Werk dieses Musikers zu erfahren. Reizvoll: Pastor Claus-Ulrich Heinke las die Bibelstellen, die Buxtehude Anlass zur Vertonung gaben, und flocht eigene theologische Gedanken ein. Ein Kammerorchester und die stimmgewaltige, gut harmonierende Andreaskantorei unter der Leitung Bernhard Römers, der manchmal auch an die Orgel wechselte, musizierten anschließend die musikalischen Werke. Nach der „Passacaglia in d“ folgte das Lied „Hinunter ist der Sonnen Schein“, dessen Pessimismus wie in vielen anderen Werken Buxtehudes möglicherweise in dessen eigener, schwieriger Biographie wurzelt. Buxtehude verlor einige Töchter, die noch im Kindesalter waren.
Schließlich seine Kantate für Sopran, Bass, vierstimmigen Chor, fünf Streichinstrumente und Generalbass „Alles, was ihr tut, mit Worten oder mit Werken“ nach dem biblischen Kolosserbrief mit der Fortsetzung „das tut alles im Namen Jesu“. Am Ende das versöhnliche Lied „O gläubig Herz, gebenedei“, das Gott mit einem gütigen Vater vergleicht, und das wunderschöne „Praeludium in E“ an der Orgel.
Nach dieser besinnlichen Stunde folgte der zweite Teil: Bei Sekt und Salzgebäck wurde die Ausstellung von Bernhard Römer, Volker Kretschmer, dem Vorsitzenden des Kirchenvorstands von St. Andreas, und dem Kunsthistoriker Dr. Stefan Bölke eröffnet, mit dem Römer das Projekt schon seit der Vorweihnachtszeit geplant hatte. Bölke zeichnet verantwortlich für Konzeption, Vitrinengestaltung und Texte. Die Ausstellung informiert mit zahlreichen Schrifttafeln ausführlich über Leben, Werk und Wirken des berühmten Kirchenmusikers. Hier muss der Besucher einige Zeit und Muße mitbringen, um alles aufnehmen zu können. Interessant: Ganz ähnlich der Reihe „Andreas um 6“ hatte Buxtehude vor über 300 Jahren an der Lübecker St.-Marien-Kirche Abendmusiken ins Leben gerufen, bei denen es immer einen tumultartigen Ansturm gab und die dort bis heute fortgesetzt werden.
Aber auch aus den 1980er Jahren stammende Nachbauten von historischen Instrumenten aus Hildesheimer Privatbesitz werden gezeigt: Krumme Zinke, Gamben und Pommern, die Vorläufer des Fagotts, sind ebenso zu bewundern wie ein Cembalo. Einige Faksimiles von Handschriften Buxtehudes sollen einen weiteren Blick in die Musikgeschichte gewähren.
Mittel- und Höhepunkt der Ausstellung ist ein liebevoll und aufwendig gestaltetes Tableau als Nachstellung des Gemäldes „Häusliche Musikszene“ von Johannes Voorhout, dem vermutlich einzigen Bildnis Buxtehudes. Es zeigt Buxtehude mit Frau und Tochter in einem gemütlichen Wohnzimmer beim Musizieren. Die Schaufensterpuppen stellte ein großes Kaufhaus zur Verfügung, die historischen Kostüme stammen aus dem Niedersächsischen Staatstheater Hannover, und die Ausstattung mit Leuchtern, Möbeln und Perserteppich hat man gar aus dem Filmstudio Babelsberg von Berlin nach Hildesheim geholt. Janine Rehbein
Die Ausstellung ist montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr, sonnabends und vor Feiertagen von 9 bis 16 Uhr, sonntags von 11.30 bis 16 Uhr geöffnet.
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Dienstag, 10. Juli 2007
HILDESHEIM. Die Nacht, das wusste schon Gustaf Gründgens und sang es hinreißend, ist nicht allein zum Schlafen da. Bernhard Römer weiß das auch. Der Kantor und Organist der St.-Andreas-Kirche, zugleich Geschäftsführer des Kulturrings, veranstaltet alle zwei Jahre eine „Romantische Nacht“. Am Sonnabend war es wieder einmal so weit, zum inzwischen sechsten Mal. Die Hildesheimer strömten in Scharen, es waren gut 1000, die in St.-Andreas-Kirche, Heilig-Kreuz-Kirche, Hotel Van der Valk, Rathaushalle und erstmals auch im Dom Musik in unterschiedlichen Besetzungen, aber unter einem gemeinsamen Motto hören wollten: „Reif für die Insel – Musik für eine britische Nacht.“ Reizvoll: Die Besucher haben die Wahl zwischen mehreren Konzerten, die parallel angeboten werden.
Erfolgsgeheimnis: ein seriöses Programm
Römers Erfolgsgeheimnis: Ein seriöses Programm – leider haben nicht alle Konzertveranstalter dieses Verantwortungsbewusstsein, sondern setzen nur auf Events, die das schnelle Geld versprechen. Römers „Romantische Nacht“ können die Besucher gleichwohl in lockerer Atmosphäre genießen: Es bleibt genügend Zeit, in Ruhe vom einen zum anderen Aufführungsort zu gelangen und vielleicht auch noch ein Glas Prosecco zu trinken.
Auf geht’s zum Eröffnungskonzert, und das ist – schnell einen Blick ins Programm geworfen, richtig: das ist in der St.-Andreas-Kirche. Viele, aber nicht alle sind schon dahin unterwegs. Vor einem Restaurant auf dem Marktplatz etwa sitzt ein junger Mann, der sein Geld in einem Hildesheimer Orchester verdient, er spielt erste Violine. Aber da auf dem Spielplan des Stadttheaters am Sonnabend das Schauspiel „Warten auf Godot“ stand, hatte der Gute frei, wollte offenbar keine Musik hören, sondern Bier trinken. Warum nicht.
Die St.-Andreas-Kirche ist ausverkauft, auf jedem Platz liegt ein englisches Fähnchen (darin eingepackt ein Erfrischungstuch). Eine freundliche Geste. Was es musikalisch gibt, ist äußerst erfreulich. Und festlich. Schon bei Georg Friedrich Händel „Coronation Anthems“ und dann bei der „Coronation Ode“ von Edward Elgar ist zu hören, wie sorgfältig Römer mit seiner St.-Andreas-Kantorei gearbeitet hat. Ausgezeichnete Intonation, textverständlich, klangschön. Die deutlich artikulierende helios-kammerphilharmonie hannover überlagert die Kantorei an keiner Stelle, das Solistenquartett Nathalie de Montmollin (Sopran), Elisabeth Graf (Alt), Jörg Dürmüller (Tenor) und Matthias Gerchen (Bass) harmoniert bestens. Am Ende Beifall, Trampeln und Jubel.
Manche Menschen nehmen gerne einen Schirm mit, weil sie wissen: Dann regnet es nicht. Aber weil die junge Dame auf dem Nebenplatz am Ende des Konzerts die Kirche schnell verlassen wollte – jedenfalls war der Schirm dann weg. Und wenn man das erst in der Judenstraße merkt, muss man halt zur St.-Andreas-Kirche zurück. Nein, da liegt er nicht mehr, auch die Bemühungen der freundlichen Dame, die dort die Aufsicht führt, sind nicht von Erfolg gekrönt. Nein, jetzt bitte keinen Prosecco, irgendwie ist die Laune – plötzlich tauchen auf dem Marktplatz eine weitere Konzertbesucherin und deren Mann auf – mit dem Schirm in der Hand: „Das ist doch ganz bestimmt Ihrer?“ Es gibt doch noch freundliche Menschen, die Laune ist wiederhergestellt, noch einen Blick zum Tisch vor dem Restaurant geworfen: Richtig der Geiger sitzt da noch, hebt zum Gruß das Glas.
Rasch ins Rathaus, in der Halle spielt die Pianistin Konstanze Eickhorst gleich die „Londoner Sonate“ C-Dur von Joseph Haydn und die „Variations sérieuses d-Moll“ von Felix Mendelssohn Bartholdy. Wie sie musizierte, es war beeindruckend. Sehr differenzierter Anschlag, improvisatorisch der zweite und dritte Satz bei Haydn, keine falsche Glätte bei Mendelssohn, kraftvoll, durchsichtig trotz der grausigen Akustik der Halle – wie sie Melodien hervorheben kann … Störend lediglich ein technisches Gerät, vermutlich ein Stromaggregat, das selbstverständlich an leisen Stellen geräuschvoll ansprang. Kleine Bitte: Lasst die wunderbare Konstanze Eickhorst nächstes Mal bei Kerzenschein spielen …
Ganz gemächlich zurück zur St.-Andreas-Kirche – der Geiger grüßt nicht, neben ihm sitzt jetzt eine Dame, die seine Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Der da vor der Kirche im Gespräch steht, er müsste es sein, der Organist Günther Kaunzinger. Auf seinem Programm steht die „Sinfonie Nr. 2“ des unbekannten Komponisten Guy Weitz. Kaunzinger ist ein Virtuose ersten Ranges, das Werk, das an Widor oder Vierne erinnert, in dem gregorianische Themen verarbeitet werden, erfordert eine fabelhafte Technik – die Kaunzinger mühelos zur Verfügung steht. Nach der halbstündigen Sonate erzählt der völlig ruhige Solist – eigentlich müsste er wie aus dem Wasser gezogen aussehen –, freundlich: Weitz war Anglo-Belgier, in der Tat mit Vierne befreundet.
Schleusen halten dicht
Gut, wenn man einen Schirm dabeihat, denn es fallen nun doch ein paar wenige Tropfen, hoffentlich hat der Himmel ein Einsehen und hält die Schleusen bis zum Ende des Abschlusskonzerts geschlossen. Schließlich ist der Marktplatz nicht überdacht. Aber die Menschenmassen strömen von dort Richtung St.-Andreas-Kirche, das Konzert ist vorsichtshalber verlegt worden.
Die helios-kammerphilharmonie hannover unter Römer begeistert das Publikum dort mit Mendelssohns „Hebriden-Overtüre“ (über den Hebriden liegt in Römers Interpretation gerade mal kein Sturmtief), der stimmungsvollen „Folk Song Suite“, der „Fantasia on Greensleves“ und der Schauspielmusik „The Wasps“ von Ralph Vaughan Williams (bei der ein hustender Mann die Kirche verließ, sollte vielleicht eine Wespe …?)
Und dann selbstverständlich – die kleinen Fähnchen kamen zum Einsatz, irgendjemand schwenkte auch einen britischen Wimpel, ein anderer einen undefinierbaren, vielleicht eine Seeräuberflagge: der Marsch „Pomp and Circumstance D-Dur“ op. 39 Nr. 1 von Edward Elgar, der Dirigent lässt es am Schluss richtig krachen, Ovationen für das Orchester und Bernhard Römer. Der jetzt ja vielleicht wirklich reif für die Insel ist – und sich ein Bier oder deren mehrere redlich verdient hat.
Auf dem Marktplatz kann er’s nicht trinken, da sitzt niemand mehr, auch der Geiger ist samt Begleitung verschwunden. Aber so reizvoll die Dame ja auch sein mag, der Mann hat an diesem Abend ganz schön was verpasst. Andreas Bode
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Montag, 02. Juli 2007
HILDESHEIM. Einmal mehr stellte Bernhard Römer – wie bereits im Eröffnungskonzert zum 14-teiligen Veranstaltungszyklus zu Ehren Dieterich Buxtehudes – Arbeiten Buxtehudes und Bachs vor. Und nach wie vor bleibt Bach Schüler Buxtehudes. Und die Werke selbst? Kontrastieren sie tatsächlich maßgeblich? Jein.
Römer hatte Orgelwerke ausgewählt, die das Trennende und Verbindende der Kompositionen beider Tonschöpfer besonders deutlich hervorheben. Der Organist steigt mit hellem Glanz und sinniger Bewegung in den Stimmen in Bachs „Fantasia super“ „Komm, Heiliger Geist, Herre Gott“ (BWV 651) ein und versteht es ebenfalls, in Buxtehudes Bearbeitung dieses Pfingstchorals (BuxWV 199) bewegte Ruhe zu transportieren.
Transparenz bleibt für Römer an diesem Konzertabend in der St.-Andreas-Kirche das Kennzeichnende im Spiel. Buxtehudes Toccata in d-Moll (BuxWV 155) gerät auch deshalb zum tragisch gezeichneten, dunklen Gemälde. Selbst die Sechzehntelketten und der punktierte Rhythmus lassen trotz heftiger Bewegung keine Helligkeit ins Werk dringen. Denn Römer nimmt die Schwere dieser Düsternis ernst, so dass bei aller Virtuosität in der Anlage der Komposition zweierlei Merkmale herausragen: konsequente Stringenz und glasklare Strukturen. Konträr zu diesem Stimmungsbarometer gestaltet Römer das Praeludium in G-Dur (BuxWV 147): Die Sechzehntelketten bleiben nunmehr stehen für mächtige, muntere Spielfreude.
Das Präludium und die Fuge des Buxtehude-Schülers in C-Dur (BWV 531) bringt Römer zunächst zum Kreisen (um den Orgelpunkt), es entsteht derart eine (erträgliche) hektische Stimmung, die spritzig bleibt. Und so soll die abschließende Fuge die Eigenschaften des Präludiums noch erweitern, wenn der Organist einlädt zum stürmischen Finale, das thematisch einem Perpetuum mobile gleicht.
Und Buxtehude, stürmt er nicht vorwärts? Beizeiten schon, wenn Römer etwa einen Freudentanz mit Echo erklingen lässt (Praeludium in F, BuxWV 145). Doch in Buxtehudes Werken liegt jedenfalls an diesem Abend eher eine bewegte Ruhe (insbesondere auch in den Pfingstchorälen „Komm, Heiliger Geist, Herre Gott“, BuxWV 199 und BuxWV 200).
Aber das Verbindende zwischen Lehrer und Schüler trennt das nicht, vielmehr erkennt man so die Originalität im Personalstil. Und ebenfalls Kontraste, die sich relativieren. Auch das konnte Römer in diesem vierten Konzert der Reihe verdeutlichen. Kontraste? Ergo jein.
Oder um es mit dem Titel des Programms zu halten: „Bach und Buxtehude“ oder „Ohne Buxtehude kein Bach“ –oder sicher nicht dieser Bach. Birgit Jürgens
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Mittwoch, 30. Mai 2007
HILDESHEIM. Einer der bedeutendsten Beiträge des diesjährigen Jubilars Dietrich Buxtehude zur Vokalmusik ist sein Zyklus von Passionskantaten „Membra Jesu Nostri“ BuxWV 75 aus dem Jahre 1680, den am Karfreitag der Kammerchor Hildesheim an St. Andreas und das Bach-Orchester St. Andreas unter der Leitung von Andreaskantor Bernhard Römer zu Gehör brachten.
Römer hatte sich entschlossen, die sieben gleich gebauten sogenannten Concerto-Aria-Kantaten, die die jeweiligen Glieder Jesu Christi zum Ausgangspunkt textlicher und musikalischer Reflexion und Meditation haben, ohne Hinzuziehung von Solisten zu gestalten und die jeweils drei zentralen Arien der Kantaten von Chorsolisten gestalten zu lassen. Dieses durchaus ambitionierte Vorgehen hatte Vor-, aber auch Nachteile.
Ein wesentlicher Vorteil den dieser Ansatz mit sich brachte, war der daraus folgende, aus dem gesamten Konzert sprechende Wille des – wenn man so will – gesamtverantwortlichen Ensembles, eine Gemeinschaftsleistung auf hohem Niveau abzuliefern, was dann auch durchweg gelang. Schön gelang schon das erste Concerto („Ecce super montes“), das Römer angesichts der im Bibeltext erwähnten eilenden Boten, recht zügig nahm.
Der Kammerchor Hildesheim präsentierte sich hier mit glattem, rundem und ausgewogenem Klang, mit ordentlicher Diktion und professioneller dynamischer Gestaltung, insgesamt also hoch konzentriert.
Gilt dies im Grunde für alle der sieben Kantaten, so muss doch die Gestaltung der dritten Kantate „Ad manus“ („An die Hände“) besonders hervorgehoben werden. Grund dafür ist nicht nur, dass dies sicher die inspirierteste der sieben Kantaten ist und Buxtehude hier durchaus etwas Außergewöhnliches komponiert hat, sondern dass eben jener Funke auch auf das Ensemble übersprang und es hier Vokalmusik in Bestform präsentierte. Im Anschluss an die kurze, aber in ihrer Klagestimmung ausgesprochen berührende Sonate, die vom gewohnt verlässlich musizierenden Bach-Orchester herrlich gestaltet wurde, präsentierte der Kammerchor das von Dissonanzen und Reibungen geprägte „Quid sunt plagae“ (Was sind das für Wunden) schlicht glänzend, mit Mut zum Auskosten der musikalischen Effekte, sodass bereits hier der Höhepunkt des Konzertes erreicht war.
Nachteilig wirkte sich die chorsolistische Besetzung indes auf das musikalische Erlebnis der Arien aus, deren Klangsprache man bisweilen nur erahnen konnte. Selbst wenn man hier und da – besonders in den hohen Lagen – durchaus hörte, dass die Sopran-Soli, der Altus, aber auch Tenor und Bass kultiviert sangen und sicher auch ihr Bestes gaben, so war doch allzu deutlich, dass der Raum eine solche Besetzung nicht hergibt, weil er nicht- professionelle Stimmen weniger trägt als vielmehr schluckt. Und so blieb hier der Wunsch, Bernhard Römer und sein Ensemble hätten in einen intimeren Raum ausweichen können, sodass man eine ansonsten sehr ordentliche Leistung in vollen Zügen hätte genießen können.
Wolfgang-Armin Rittmeier
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Dienstag, 10. April 2007
HILDESHEIM. Dieses Jahr war es an der Kantorei St. Andreas, dem Bach-Orchester St. Andreas und Andreaskantor Bernhard Römer, die „Johannes-Passion“ Bachs zum Klingen zu bringen. Als Solisten waren Jörg Dürmüller (Tenor) als Evangelist, Timothy Sharp (Bass) als Christus, Barbara van den Boom (Sopran), Laura Nykänen (Alt) und Dominik Wörner (Bass) verpflichtet worden.
Schon die Darstellung des großen Eingangschores „Herr, unser Herrscher“ durch die Andreaskantorei und das Bach-Orchester war vielversprechend: So gelang das große, die Trinität symbolisierende Vorspiel durchaus spannungsvoll und atmosphärisch dicht, wenngleich nicht durchweg transparent.
Die Andreaskantorei setzte mit ihren drei „Herr“-Rufen machtvoll ein, war klanglich gut ausgewogen, die Frauenstimmen überlagerten die Männer nicht, die Diktion war überwiegend gut, und auch an sinnvoller Gestaltung (Phrasierung, Dynamik) mangelte es nicht.
Dieser gute Eindruck setzte sich in der Gestaltung der vielen, eindrucksvollen Turba-Chöre (herrlich: „Lasset uns den nicht zerteilen“) fort. Lediglich die Choräle des ersten Teils schienen in ihrer Darstellung bisweilen etwas laut, etwas überakzentuiert, etwas gehetzt. Hier hätte Römers dramatischer Ansatz differenzierter sein und die Choräle als Momente der Kontemplation hervorheben können. Gleiches gilt für den großen Schlusschor („Ruhet wohl, ihr heiligen Gebeine“), dem die Ruhe aufgrund des recht eiligen Tempos etwas abging.
Intelligente Verquickung
Glänzend gelang die Darstellung des Evangelientextes durch Jürg Dürmüller (Tenor). Seine mit eleganter, klarer und bestens geführter Stimme dargebotene Interpretation bestach durch die intelligente Verquickung der leicht distanzierten Erzählerperspektive und der Perspektive des mitleidenden Christen, wie sie beim Bericht vom Weinen des Pilatus und diesem selbst deutlich wurde. Schön gelangen auch seine Arien („Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken“).
Auch Timothy Sharps Darstellung der Christus-Partie überzeugte durch solide Textausdeutung, wobei sie besonders auch die menschliche Seite der Partie hervorhob. Hier knüpfte die glänzende, textnahe und Mut zum rechten Maß an Ausdruck beweisende Interpretation Dominik Wörners an. Mit großem Bass vermochte er es überzeugend, die Arien („Eilt, ihr angefochtnen Seelen“ und „Mein teurer Heiland“) glaubhaft zu gestalten, wenngleich es besonders die Pilatus-Partie war, bei der er es schaffte, über den üblichen Schöngesang der historisch informierten Aufführungspraxis hinauszugehen und dem Ganzen durch Mut zum bisweilen „hässlichen“ Ton Plastizität zu geben. Hut ab.
Aber auch die beiden – an Präsenz in der „Johannes-Passion“ etwas benachteiligten – Damen gefielen weithin gut. So gelang Laura Nykänen besonders die große „Es ist vollbracht“-Arie, die sie ausgesprochen verinnerlicht und emotional gestaltete. Ganz besonders war indes der glockenklare, feine und auch in der Höhe leicht geführte, ja „natürliche“ Sopran von Barbara van den Boom, die die technisch nicht ganz unproblematische Arie „Zerfließe, mein Herze, in Fluten der Zähren“) vorbildlich und ausgesprochen ergreifend präsentierte.
So bleibt nur zu sagen, dass Bernhard Römers Gesamtanlage der Passion als einem dramatischen Werk, das den Zuhörer mitreißen, ja involvieren will, durchaus funktionierte und in sich überzeugte. Die glänzende Ensembleleistung bewies, dass von diesem Ansatz durchaus ein Funken überspringen kann.
Wolfgang Armin Rittmeier
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Dienstag, 20. März 2007
HILDESHEIM. Heimelig ist’s in der kerzenscheindurchfluteten Taufkapelle der St.-Andreas-Kirche. Das Mietke-Cembalo mit der historischen Stadtansicht von Hildesheim will jetzt nur noch gespielt werden, und um Schlag achtzehn Uhr ist es so weit: Bernhard Römer beginnt das Spiel und eröffnet zugleich den 14-teiligen Veranstaltungszyklus, der den vor 300 Jahren gestorbenen Dieterich Buxtehude würdigt.
Die „Hommage à Dieterich Buxtehude I“ hat’s in sich, denn der Komponist schuf für das Cembalo beachtliche Kompositionen, die allerdings weitaus weniger gespielt werden als die großen, bekannten Orgelwerke. Römers Anliegen an diesem Abend: Abhilfe schaffen, das heißt, den Cembalokompositionen endlich die ihnen gebührende Beachtungschenken. Buxtehudes Aria „La Capricciosa“ (BuxWV 250) gestaltet der Andreas-Kantor mit Liebe zum Detail. Er nimmt die Schlichtheit des Bergamasca“-Themas ernst, forciert nicht unnötig. Die stattlichen 32 Variationen über dieses Thema sind mannigfach schattiert. Die ersten Variationen (Partiten 2-5) klingen beinahe banal und sind damit ganz dem Duktus des Themas unterworfen. Der Cembalist verzichtet auf künstlich gesetzte) sprühende Effekte – die schließlich noch kommen. So perlt es dann förmlich in den virtuosen Variationen (so auch in der Partita 13), hier fliegen die Finger über die Tasten. Ebenfalls beeindruckend gelingt Römer die Variation Nr. 27, denn er weiß die in der Partita angelegten Fehler (überladene Verzierungen und allgemeine Regelverstöße) bierernst darzubieten.
Die beiden Präludien g-Moll (BuxWV 163) und G-Dur (BuxWV 165) gelingen facettenreich. Die Schwere zu Beginn des g-Moll-Werks arbeitet der Solist treffend heraus. Die knapp gefassten Fugen bleiben an diesem Abend in der Darstellung geboten einfach, bevor der
Cembalist in den freien Passagen fantasieren kann. Das Freie und Gebundene (der Fugenabschnitte) gibt sich so die Hand, wobei die virtuosen Passagen mit den forschen Läufen den Werken jeweils die Krone aufsetzen, zumal der Solist es versteht, energisch zuzupacken.
Dass Römer außer Buxtehude ein Werk Bachs, namentlich dessen „Englische Suite“ Nr. 5 e-Moll (BWV 810), ins Programm aufgenommen hatte, liegt nahe, da Bach schließlich Schüler Buxtehudes war und viel von seinem Meister für das eigene Schaffen mit auf den Weg ins Notenreich nahm. Besonders hervorzuheben ist das fugierte Bach’sche „Prélude“, für welches Römer ein sehr rasches Tempo wählte. Es pocht und drängt bis zur letzten Note. Ebenfalls
die Gigue führt der Interpret sehr resolut und schwungvoll aus. Schnellen Schrittes neigt die Suite sich so dem Ende zu. Auch hier wie insgesamt: Ein „fürtrefflicher“ Auftakt zu einer Reihe, die viel verspricht. jür
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Dienstag, 30. Januar 2007
HILDESHEIM. „Zwischen den Zeiten“ befindet man sich zu Silvester ja sowieso: Ein Jahr gibt dem anderen die Klinke in die Hand, und deshalb ist es nur konsequent, wenn sich das musikalische Rahmenprogramm daran orientiert. André Rieu, dieses Jahr (wie immer) im deutschen Fernsehen schunkelaktiv, macht es vor: steckt sein Playbackorchester in knallbunte Rokoko-Kostümchen, um dann umso authentischer die Strauss-Seligkeiten aus dem späten 19. Jahrhundert vom Stapel lassen zu können. Und seine Leib- und Magenmelodie, das Rieu-Thema, das man sofort für einen besonders prachtvollen Wiener Walzer hält, ist zu allem Überfluss von Schostakowitsch, aus der Jazz-Suite nämlich, und hat mit alledem eigentlich gar nichts zu tun.
Keinen Jazz im Reifrock, aber doch Ungewöhnliches verband Bernhard Römer jetzt auf seiner Silvester-Soiree und begleitete den afroamerikanischen Saxophonisten Jackson C. Crawford an der Orgel: bei Schostakowitschs Jazz-Walzer genauso wie bei Telemanns distinguierter Sonate f-Moll. Die alljährlichen Jahreswechselkonzerte in der Hildesheimer Andreas-Kirche sind kleine Besinnungsinseln, die für eine gute Stunde hinausführen aus all der Hysterie der Partymeilen und der enervierenden Volksmusikantenblödigkeit: Den frühen Silvesterknallern, die wie bunte Gewehrssalven vor den Kirchenfenstern explodieren, setzt Römer deshalb das streng-wilde Wetterleuchten von Bachs Toccata und Fuge d-moll entgegen und bringt die Welt zum Verstummen.
Ideale Verbindung
Die Verbindung von Orgel und Saxophon scheint ideal, nicht nur weil beide klanglich direkt miteinander zu verschmelzen scheinen. Crawfords Instrument – entrückt dort oben auf der Empore – ist nicht nur eine Pfeife unter vielen: Wenn es schwärmerisch Bizets „Agnus Dei“ singt, oder mit Rossinis „La Danza“ eine völlig unbeschwerte Entfesselung von Lebenslust und Zuversicht entfaltet, zeigt sich das Saxophon patent, flexibel und überaus ausdrucksstark. Und sein amerikanischer Interpret erweist sich als Virtuose, was er dem Publikum spätestens in jenem Moment klar macht, als er (im weißen Dinner-Jackett) herabsteigt in den Altarraum und seine eigenen Variationen über das französische Lied „Ah, vous dirais-je, Maman“ aufführt, das auch gern als „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ genommen wird.
Dieses „Zwischen den Zeiten“-Programm präsentiert sich als musikalisch hervorragend profilierte Silvester-Alternative, die sich höchstens in den zehn kurzatmigen Tanz-Minaturen von Pierre-Max Dubois ein bisschen verzettelt, dies aber mehr als wett macht: Mit einem stürmischen Ekstase-Finale aus Viernes 1. Orgelsymphonie und einem russischen Walzer, der (wie sich zeigt) ganz wunderbar auskommt ohne Reifrock – und noch besser ohne André Rieu. Mot
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Dienstag, 02. Januar 2007
Hildesheim. In der gotischen St.-Andreas-Kirche Hildesheim fand am Sonntagabend ein Konzert der St.-Andreas-Kantorei statt. Das Programm bestand aus den Werken „Miserere“ von Ernst Theodor Amadeus Hoffmann und dem Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart. E.T.A. Hoffmann war eigentlich mehr als Dichter der Romantik bekannt, seine Kompositionen sind sicher vorwiegend Musikexperten ein Begriff. Das „Miserere“ ist denn auch ein ziemlich schwieriges Werk. Man tut gut daran, mehr auf die Musik als auf den Text zu achten, der auf Latein gesungen wird und sehr von Sünden, Missetaten und Opfern geprägt ist, allerdings versöhnlich endet. „Tue Zion Gutes nach deiner Gnade, baue die Mauern Jerusalems auf.“
Das Requiem von Mozart ist wohl eines seiner berühmtesten Werke, das er nicht mehr selbst vollenden konnte, weil er bereits schwer krank war. Es gab das Gerücht, Salieri habe ihn vergiftet, auch andere gerieten in Verdacht, geklärt wurde es offenbar nie. Franz Xaver Süßmayr hat dann das Requiem vollendet, und vermutlich sind nur die besten Musikkenner in der Lage, heraus zuhören, wo Mozart endet und Süßmayr beginnt.
Das Konzert war ausverkauft, was sicher vor allem für die Qualität des Chores der St.-Andreas-Kantorei spricht. Die Hildesheimer brachten ihm denn auch am Ende stürmische Ovationen. Die Solisten Gabriele Hierdeis, Sopran, Monika Körner, Mezzosopran, Mitglied des Chores, Renée Morloc, Alt sowie Marcus Ullmann, Tenor und Marek Rzepka, Bass, meisterten ihre Soloeinlagen bravourös.
Einen Raum mit einer so gewaltigen Kuppel mit einer Solostimme zu füllen, ist eine beachtliche Leistung. Die „helios-kammerphilharmonie hannover“ wurde von ihrem Leiter Bernhard Römer mit Temperament und Leidenschaft durch die beiden Werke geführt. Die Atmosphäre dieser Kirche hat sicherlich dazu beigetragen, dass dieses Konzert ein großes Erlebnis geworden ist. Viele Besucher standen noch lange draußen im Novemberregen auf dem Kirchplatz, um mit Freunden und Bekannten die Begeisterung ausklingen zu lassen. Susanne Diehl
ALFELDER ZEITUNG, Dienstag, 21. November 2006
(ere) Draußen leuchtete der Turm von St. Andreas fahl im Nieselregen, im voll besetzten und hell erleuchteten Kirchenschiff herrschte hingegen erwartungsfrohe Spannung. Denn passend zum Volkstrauertag hatte sich die Andreaskantorei unter ihrem Leiter Bernhard Römer eines der schönsten Werke der Musikliteratur vorgenommen: Mozarts „Requiem“.
Zuvor jedoch gelangte ein weniger bekanntes Werk zur Aufführung: E.T.A. Hoffmanns „Miserere in b-Moll“. Der heute eher als Dichter der Romantik vertraute Mann verdiente seinen Lebensunterhalt mit einer Vielzahl an kreativen Berufen, unter anderen als Kapellmeister und eben auch als Komponist.
Seine im Winter 1809 entstandene Vertonung des Bußpsalms „Miserere mei Deus“ („Gott sei mir gnädig nach deiner Güte) wurde zu seinen Lebzeiten höchstwahrscheinlich nicht aufgeführt, gedruckt wurde sie sogar erst 1971.
Eine Aufführung scheint gerechtfertigt, in diesem Fall auch recht geschickt gewählt, führt doch das „Miserere“ musikalisch zum Mozart-„Requiem“ hin, nach dessen Vorbild es entstanden ist. Geschickt gewählt auch deshalb, weil es an Mozarts „Requiem“ trotzdem nicht heranreicht und dieses in seinem Glanz und Triumph der kompositorischen Meisterschaft unangetastet lässt.
Ganz nach dem Vorbild der Wiener Klassik besteht das „Miserere“ aus zwölf klar abgeschlossenen Sätzen, in denen sich vom Orchester begleitete chorische und solistische Partien abwechseln. Positiv dabei der vollständige Abdruck beider Werke im originalen Latein und der deutschen Übersetzung. Allerdings auch nötig, denn die Textverständlichkeit des Chores war der Mangel der Aufführung.
Der Chor, die aus überwiegend jungen Musikern bestehende „helios-kammerphilharmonie hannover“ sowie Gabriele Hierdeis (Sopran), Monika Körner (Mezzo-Sopran), Renée Morloc (Alt), Marcus Ullmann (Tenor) und Marek Rzepka (Bassbariton) erwiesen sich bei beiden Werken als dem Musikstil angemessene Interpreten.
Bei Hoffmanns „Miserere“ besonders hervorzuheben sind Gabriele Hierdeis Interpretation des „Sacrificium Deo“, das sie mit dramatischem Ausdruck und vokaler Variationsbreite gestaltete. Ebenso das „Auditui meo dabis“ des jungen lyrischen Tenors und ehemaligen Dresdner Kreuzchor-Knaben Marcus Ullmann, der diesen Satz wie sämtliche solistische Passagen angenehm unaufdringlich und perfekt ausgeglichen interpretierte.
Das Ende dieses Werks, in dem die mächtigen Mauern der glanzvollen Stadt Jerusalem musikalisch aufgebaut werden, bot dann den Übergang zu Mozart, dem gewaltig schreitenden Beginn seines „Requiems“. Hier konnte die St.-Andreas-Kantorei, in deren Reihen sich erfreulich viele junge Gesichter finden (wobei die Damen den Herren zumindest zahlenmäßig überlegen sind), seine ganze Variationsbreite vom vollen bis zum ausgehauchten Chorklang demonstrieren. Abgesehen von einigen Schwierigkeiten des Soprans bei hohen Einsätzen.
Das Orchester überzeugte mit dynamischer Ausarbeitung und schönen Akzenten, überdeckte den Chor jedoch teilweise akustisch. Große Anerkennung gebührt dem jungen Posaunisten, der sich bei der heiklen Passage des „Tuba mirum“ nicht den Hauch eines Patzers leistete und überdies seinen weichen und schönen Ton fließen ließ.
Im „Agnus Dei“ wurde schließlich die Bedeutung von „Requiem“, nämlich (ewige) „Ruhe“ spürbar. Bernhard Römer ließ die Musik, die ja eine Zeit-Kunst ist, scheinbar stillstehen. Und ein Moment von Ewigkeit blitzte da durch die Mozartsche Musik. Mit der Freudigkeit des ewigen Lebens, das denen, die daran glauben, verheißen ist, und der in der Musik spürbaren Mächtigkeit Gottes endet das Werk.
Darf man nach einem „Requiem“, das eine Totenmesse ist, ganz banal Beifall klatschen? Die Zuhörerschaft schien eine ganze Weile zu überlegen, nachdem der letzte Ton verklungen war. Und entschied: Man darf. Die Leistung aller Beteiligten und die Freude, die sie den Zuhörern gemacht hatten, verlangte danach. ere
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Dienstag, 21. November 2006
HILDESHEIM. Mit einem so vollen Haus habe er nicht gerechnet, ließ Bernhard Römer von der Orgelempore die Gäste wissen, und: „Die Königin ist glücklich, dass so viele Menschen gekommen sind.“ Aus Anlass des 40. Geburtstags der Beckerath-Orgel am 30. Januar 2006 hatten der Andreasorganist und die St.-Andreas-Kirchengemeinde zu einem „festlichen Orgelkonzert“ mit dem Titel „Eine Königin hat Geburtstag“ eingeladen.
Das musikalische Menü hatte Römer so abwechslungsreich festgelegt, dass für jeden Geschmack etwas dabei war: ein opulentes Mahl mit neun Gängen. Als Vorspeise servierte der Organist eine eigene Bearbeitung von Marc-Antoine Charpentiers Prélude aus dem „Te Deum“. Dieses berühmte Signet der Eurovisionssendungen passt hervorragend, die Königin zieht prunkvoll ein und begrüßt die Besucher erhobenen Hauptes. Mit einer Bearbeitung, die von seinem Vorgänger Reinhold Brunnert stammt, der von 1955 bis 1989 Kantor und Organist an St. Andreas war, regte Römer den Appetit der Zuhörer an: Die Choralbearbeitung über Bachs „Jesus bleibet meine Freude“ aus der Kantate „Herz und Mund und Tat und Leben“ ruft zur Besinnung auf, zum kurzen Innehalten. Heftigen Applaus erntete der Organist bereits, als er die Glockenklänge der Westminster Abbey mithilfe der Komposition von Louis Vierne „Carillon de Westminster“ (op. 54/6) imitierte. Diese Stimmung Londons liegt erst verhalten in der Luft, bis das Geläut der Glocken die Kirche in die Kirche holt. Selbstverständlich durfte an einem solchen Ehrentage eine (Original-)Komposition Bachs nicht fehlen – Römer wählte das Werkpaar Präludium und Fuge C-Dur (BWV 547). Der Organist überbringt eine musikalisch frohe Botschaft, er scheint jemandem zu danken – der Königin, wie's nahe liegt –, er schreitet gemach, allerdings lediglich bis zur Fuge: Nun wandelt der Interpret strikt und bestimmt von Stimme zu Stimme, von Kontrapunkt zu Kontrapunkt. Die Flötenklänge der Beckerath-Orgel, die mit ihren 4734 Pfeifen eine der größten in Norddeutschland ist, kamen vorzüglich in Haydns „Drei Flötenuhrstücken“ zur Geltung. Zarte Spieluhren, virtuos tickende Varianten und erfrischende, belebende Modifikationen schmecken hier delikat. Sehnsuchtsvoll, schmachtend verkündet der Organist mit Josef Rheinbergers „Vision“ Des-Dur (op. 156/5), dass er keinesfalls satt ist, obwohl dies bereits der achte Gang des Menüs ist. Doch das – vorläufige – Ende naht mit Sigfried Karg-Elerts Choral-Improvisation für Orgel (op. 65/59) über den Choral „Nun danket alle Gott“. Römer steigert dynamischkonsequent, und der Aufbau ist so wirkungsvoll durchgestaltet, dass man meinen möchte, dies sei der „Rausschmeißer“.
Rauschender Applaus den musikalischen Kostbarkeiten, dem Menü, das Römer präsentiert hat und das dem Publikum bestens mundete. Doch es folgt ja noch das Dessert, und das bestimmen die Gäste. Vier Optionen gibt’s, Römer ordnet an: Wer die Toccata und Fuge d-Moll von Bach (BWV 565) bevorzugt, setze sich ins nördliche Seitenschiff, Anhänger von Widors Toccata aus der 5. Orgelsymphonie begeben sich ins Mittelschiff auf die Lesepultseite – und um das Ganze abzukürzen: The Winner is: Widors Toccata! Römer spielte sogar noch den vierten Satz, Adagio, dieser Symphonie und nach Standing Ovations zudem Boëllmanns Toccata aus der „Suite gothique“.
Abschließend Sekt für die Gäste. Prost auf den Organisten und natürlich auf die Orgel, deren Prinzipal-32-Fuß-Pfeifen sogar unter Polizeischutz am 27. Juli 1965 angeliefert wurden. Was bleibt, ist auf jeden Fall ein guter Geschmack. Jür
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Dienstag, 05. September 2006
HILDESHEIM. So ein ganz besonders feiner, schlichter und starker Moment: Von der Kanzel herunter liest Wolfgang von der Burg das Gedicht, das Dietrich Bonhoeffer in seiner Nazi-Gefangenschaft geschrieben hat: „Wer bin ich? Sie sagen mir oft, / ich träte aus meiner Zelle/ gelassen und heiter und fest/ wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.“
Zu den bewegten Worten entwickelt sich ein immer dichteres, eskalierendes Zusammenspiel des Streichquintetts. Diese schmerzhafte Intimität ist eine verhaltene Insel in einem Konzert, an dessen Ende das Publikum sich ergriffen vom Platz erhebt und sich mit Standing Ovations bedankt.
Das diesjährige Chorfest des Niedersächsischen Kirchenchorverbandes hat sich Bonhoeffers berühmtes „Von guten Mächten treu und still umgeben“ als Motto gewählt, und so erfüllt Bernhard Römer mit seinem Programm geradezu wortwörtlich die Vorgabe.
Mit der Andreas-Kantorei und einem elfköpfigen Instrumentalisten-Ensemble bringt er ein Oratorium des Kirchenmusikers Matthias Nagel zur Aufführung, das so heißt, wie seine Hauptfigur: Dietrich Bonhoeffer. Das umfangreiche Werk mit seiner Spieldauer von einer Stunde und 45 Minuten bietet nicht weniger als einen Komplettabriss über Leben und Werk des widerständigen Theologen.
Der Autor des Librettos, Dieter Stork, hat nicht nur Gedichte und Aussagen Bonhoeffers mit eigenen Texten kombiniert, sondern setzt zwischen die einzelnen musikalischen Etappen sehr ausführliche Referate, übervoll mit Fakten, Fakten, Fakten.
Gerade dies aber ist offenkundig der Schlüssel zum Erfolg des 1997 erstmals aufgeführten Stücks: Es befriedigt den Wunsch nach Konkretem, nach klar und deutlich Erklärtem. Unbequem kommt es dabei durchaus daher, stellt immer wieder die Frage nach der Gegenwart und wiegelt sich bis zum Protestsong auf: „Nur wer für Kurden schreit, darf gregorianisch singen!“
Wer hier mit konservativen Erwartungen an die alterwürdige Gattung des Oratoriums herangeht, wer Haydns „Schöpfung“ im Ohr hat, Mendelssohns „Elias“, der wird irritiert. Matthias Nagels Musik ist beim Neuen Geistlichen Lied zur Schule gegangen und schunkelt sich peppig ein: Christian Kowalski-Fulford gibt am Schlagzeug die sanften Beats vor, und Karsten Gohde lässt das Saxophon leuchten. Auch hier regiert das Konkrete, das Fassliche.
Und bevor am Ende wirklich schlichte Ergriffenheit in die bedrückenden Dimensionen des Themas vorstößt, wird viel Ohrwurm-Unterhaltung angestimmt. Das Publikum des Chorfestes darf sich einbezogen fühlen: Beim „Von guten Mächten“ dreht sich Römer um, dirigiert seine Besucher, die gern mit einstimmen. Was für den kirchenmusikalischen Puristen bisweilen die Schranken allzu süßlicher Schlichtheit überschreitet, schafft doch den gewünschten Kontakt.
Römers St.-Andreas-Kantorei jedenfalls legt sich ordentlich ins Zeug, schafft Intensives und Berührendes. Irgendwo zwischen naiver Schlagerlaune, zwischen Konfirmandenfreizeit und gregorianischem Gesang, eingängiger Botschaft und echter, nachdenklicher Anteilnahme geht dann ein Konzert zu Ende, für das alle Beteiligten in der voll besetzten Andreaskirche aufs Allerwärmste gefeiert werden.
Bernhard Römer hat seinem Publikum einen Wunsch erfüllt, einen Abend geschaffen, der allen elitären Abstand zur klassischen Kirchenmusik bei Seite lässt, der das Publikum zur Gemeinde macht. mot
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Donnerstag, 25. Mai 2006
Hildesheim. Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorien „Paulus“ (1836) und „Elias“ (1846) gehören heute, wie die Großwerke Bachs und Händels, dazu die von Haydn, Mozart, Beethoven und Brahms, zum eisernen Repertoire-Bestand jedes Oratorienchors.
Die Andreas-Kantorei rief mit „Paulus“, und die Mendelssohn-Freunde kamen. Mendelssohns Opus 36 über den Weg des Apostels vom Damaskus-Erlebnis bis hin zur Todesdrohung zeugt von den Einflüssen Bachs, zumal Händels auf den Kompositionsstil des 27-Jährigen. Gleichzeitig ist das Werk typisch für den romantischen Klassizismus des Meisters und sein, im besten Sinne, musikalisches Nazarenertum. Im Übrigen ist „Paulus“ einfach ein Meisterstück höchster kompositorischer Kunstfertigkeit.
Das Werk ist nicht leicht zu realisieren. Es bedarf eines sinfonisch besetzten Orchesters, eines Solistenquartetts und, nicht zuletzt, eines großen, fähigen Chors. Dass die Andreas-Kantorei ein solcher ist, weiß man nicht erst seit Sonntagabend. In einer Zeit allgemeiner Nachwuchsprobleme beim Chorgesang hat Kantor Bernhard Römer es verstanden, nicht nur den Stamm zu halten, sondern die Mitgliederzahl offenbar noch aufzustocken. Zur Qualität der Andreas-Kantorei ist nichts Neues zu berichten: Sie ist hoch. Der Chor singt klangschön, sehr differenziert und wirkt unter dem souveränen Dirigat Bernhard Römers kompakt und sicher.
Römer hat es aber auch verstanden, ein First-Class-Solistenensemble nach Hildesheim zu holen. Die Sopranistin Nina von Möllendorff verfügt über einen tadellos geführten lyrischen Sopran, geradezu einen Mozart-Sopran – und dies allein ist Lob genug. Für den Tenor Andreas Post gilt das Gleiche; er hat neben lyrischen Fähigkeiten außerdem das Engagement des Evangelisten im Gepäck – ausgezeichnet! Ulf Bästlein ist der dritte „Mozart“-Sänger im Bunde, und das kann niemals schaden, schon gar nicht bei Mendelssohn. Nur: Bei den Paulus“-Worten wünscht man sich eher ein rund-warmes Bassvolumen (Sarastro), weniger einen Bariton (Papageno). Gleichwohl entledigte sich Bästlein seiner Aufgabe ohne Fehl und Tadel. Die Palme aber möchte man der Altistin Elisabeth Graf überreichen – obwohl Meister Mendelssohn die Altpartie in seinem „Paulus“ geradezu sträflich vernachlässigt hat. Hätte er die Graf mit „Doch der Herr vergisst die Seinen nicht“ gehört, so hätte er ihrer nicht vergessen und sie zumindest mit einer weiteren Solonummer ausgestattet . . .
Die „helios-kammerphilharmonie hannover“ (Konzertmeisterin: Mirjam Klein) ist ein vortreffliches Oratorienorchester, in allen Gruppen offenbar gleichmäßig gut besetzt – soweit man es hören konnte, und damit sei das Fazit dieses Konzertabends angesprochen. Die herausragende Leistung aller Mitwirkenden bewirkt für die Ohren vieler Zuhörer noch keine ungemischte Freude. Wir sind heute CD- und DVD-verwöhnt, und es ist deshalb enorm wichtig, sich regelmäßig ein Live-Erlebnis zu gönnen, das durch nichts zu ersetzen ist. Davon lebt der heutige Musikbetrieb stärker denn je. Die Hildesheimer Andreaskirche ist überakustisch; das ist bekannt. Doch es gab auch den sehr gelungenen „Dreh“, zu Füßen der Orgelempore zu musizieren (siehe Franz Schmidts „Buch mit sieben Siegeln“). Die Akustik ist dort günstiger, und man hätte das instrumentale Geschehen in den Chören Nr. 11 und 15 sicher besser wahrnehmen können. Vielleicht beim nächsten Mal? Joachim Stepp
ALFELDER ZEITUNG, Dienstag, 16. Mai 2006
HILDESHEIM. Was für eine Szene. Der zwölfjährige Knabe und Liebling der Götter Felix Mendelssohn Bartholdy ist beim Dichterfürsten Goethe zu Gast, der ihn auffordert zu musizieren: „Ich habe dich heute noch gar nicht gehört, mache mir ein wenig Lärm vor.“ Mag der Begriff Lärm im ersten Moment auch etwas befremdlich wirken, so darf man davon ausgehen, dass er positiv gemeint war. Und irgendwie scheint die Aufforderung Goethes sich auch noch in dem 15 Jahre später entstandenen „Paulus“, Mendelssohn erstem großen Oratorium, niederzuschlagen, dem sich die St.-Andreas-Kantorei, die helios-kammerphilharmonie hannover und die Solisten Nina von Möllendorff (Sopran), Elisabeth Graf (Alt), Andreas Post (Tenor) und Ulf Bästlein (Bassbariton) unter der Leitung von Bernhard Römer gewidmet haben. Schon nach der maßvoll genommenen Ouvertüre über den Choral „Wachet auf, ruft uns die Stimme“, der hier durchaus symbolisch zu verstehen ist, ging es los mit dem, was Mendelssohn stets heraufbeschwören kann, nämlich mit dem großen, festlichen Klang. „Allegro maestoso“, so lautet die Anweisung zum ersten großen Chor „Herr, der du bist der Gott“, und die Andreaskantorei setzte dieses Gebot trefflich um. Klangvoll und klangmächtig, gut textverständlich und mit dem Enthusiasmus, den diese Musik geradezu zwangsläufig mit sich bringt, gestaltete sie nicht nur diese, sondern durchweg alle ihr zugeteilten Aufgaben problemlos und – das ist bei einem so kraftvollen Oratorium wie dem „Paulus“ nicht selbstverständlich – ohne konditionelle Schwächen.
Da blieb der recht ausgewogene Klang durchweg erhalten, die unterschiedlichen Charaktere der szenisch eingesetzten Chöre – vom ruhigen „Siehe, wir preisen selig“ über das mystische „Saul, was verfolgst du mich“ bis zum bombastischen „Mache dich auf, werde Licht“ – wurden rund herausgearbeitet, die Konzentration stimmte vom ersten bis zum letzten Ton, und auch der Schlusschor, der sich bei den Sopranen immer wieder zum hohen a hinaufschwingt, glänzte noch bei der Fermate.
Außergewöhnliche Intensität
Eine wunderbar einheitliche Leistung erbrachten auch die vier Solisten. So gefiel Nina von Möllendorffs Darstellung der Sopran-Partie besonders wegen ihrer klaren, insgesamt aber warmen und eher dunklem Stimme, die sich nur selten aufgrund ihres recht deutlichen Vibratos nicht so recht mit der kompositorischen Glätte Mendelssohns decken konnte. Herrlich gestaltete auch Elisabeth Graf (Alt) ihre – man möchte fast sagen: leider – viel zu kurze Partie, die sie nicht nur mit ihrer runden, geschmeidigen und klangvollen Stimme voll ausfüllte, sondern der sie – beispielsweise im Arioso „Doch der Herr vergisst die Seinen nicht“ – ein Höchstmaß an Glaubwürdigkeit verlieh. Glänzend und von außergewöhnlicher Intensität muss auch die Darstellung von Tenor Andreas Post genannt werde. Hervorragend disponiert, kernig, klar, präsent und ganz dicht am Text schöpfte er die in ihren Affekten breit angelegte Partie aus, wobei besonders die furiose Interpretation der einleitenden Stephanus-Episode unter die Haut ging. Auf ebenso hohem Niveau bestritt Bassbariton Ulf Bästlein die Partie des Protagonisten. Bästlein präsentierte einen meist strengen, maskulinen Paulus, dem schon als Saulus („Vertilge sie, Herr Zebaoth“), aber auch – nach dem höchst eindrucksvoll gestalteten Bekehrungserlebnis – im Streit mit den Aposteln („Ihr Männer, was macht ihr da?“) eine gewisse eifernde Härte anhaftet, wobei diese im Zuge der ebenso eifrigen Gottesverehrung einen mystischschwärmerischen Zug annehmen konnte („Gott, sei mir gnädig“). Insgesamt zeichnete sich Bästleins Anlage durch große klangliche und interpretative Flexibilität aus, sodass sie durchweg psychologisch lupenrein zu nennen war. Die helios-kammerphilharmonie hannover war nicht nur eine solide, im Klang voll romantisch süffige Unterstützung, sondern, wenn man so will, ein Solist für sich. Das junge Orchester kostete alles an Klang aus, was es nur auszukosten gab, von den lieblichen Klängen des „Siehe, wir preisen“ über die dramatische Ausreizung der Accompagnati und Arien. Nur selten – eben in den Fortefortissimi der großen Chorsätze – hätte man sich etwas weniger Klang und etwas mehr Kultur gewünscht. Letztlich folgten die Musiker hier aber der Anlage Bernhard Römers, die sich (vielleicht zu Recht) im Wesentlichen auf die von Mendelssohn in diesem Oratorium zuhauf untergebrachten musikalischen Effekte und dynamischen Extreme konzentrierte, um so durch klanglichen Glanz und feierliches Geglitzer das zu liefern, was angekündigt worden war, nämlich ein mitreißendes Oratorium. Dies ist zweifelsohne gelungen. rit
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Samstag, 06. Mai 2006
HILDESHEIM. Als zentrales Thema christlichen Glaubens bietet die Passion Christi Komponisten seit jeher reiche Inspiration für die Erschaffung größerer und kleinerer musikalischer Werke. Und so konnte auch am diesjährigen Karfreitag der Kammerchor Hildesheim an St. Andreas unter der Leitung von Bernhard Römer in seinem traditionellen Passionskonzert mit einem Programm mit Werken aus drei Jahrhunderten aufwarten.
Begonnen wurde mit Johann Pachelbels sieben Partiten auf den berühmtesten aller Passionschoräle „O Haupt voll Blut und Wunden“. Römer gestaltete die vielfältigen Variationen des Chorals mittels farbiger Registrierung, in der – wie sonst nicht allzu oft – auch die Glocken des Hauptwerks zum Einsatz kamen.
Der erste Chorblock stellte drei Motetten der Renaissance vor: Gregor Aichingers „O Domine Jesu Christe“, Johann Eccards „Im Garten leidet Christus Not“ und Hans-Leo Hasslers „O Mensch, bewein dein Sünde groß“. Römer und seinem Ensemble gelang es hier ausgesprochen gut, die stilistischen Unterschiede zwischen den drei Kompositionen herauszuarbeiten.
Glänzend disponierte Choristen
So betonten die glänzend disponieren Choristen herrlich Aichingers Affinität zu der Kompositionsweise Palestrinas oder Gabrielis. Glatt, sauber und klanglich ausgesprochen ausgewogen trafen sie den himmlischen Ton dieser Motette ebenso gut, wie sie die eindrucksvolle Struktur des Eccard’schen Werkes darboten. Herrlich gelang hier die Gegenüberstellung der das Leiden Christi schildernden Strophen („Im Garten leidet Christus Not“, „In Schmerzen er sein Blut vergießt“) und der sich plötzlich nach Dur hinwendenden Verheißung „Siehe, das ist Gottes Lamm.“
Der routinierten Darbietung von Hasslers Choralmotette „O Mensch“ folgte eine beeindruckende Darbietung von Bachs „Präludium und Fuge f-moll“ BWV 534. Ernsthaftigkeit, Gemessenheit und Erschütterung waren die drei Leitbegriffe, mittels derer Römer dies kolossale Werke ebenso unbeirrbar deutete, wie das sich später anschließende „Präludium und Fuge c-moll“ op. 37 Nr. 1 von Felix Mendelssohn Bartholdy.
Schwache Kompositionen
Weniger faszinierend gestaltete sich indes der zweite Chorblock mit Werken von Arnoldi („Jesus Christus, ob er wohl in göttlicher Gestalt war“) und Homilius („So gehst du nun, mein Jesu, hin“, „Unser Vater in dem Himmel“), was seinen Grund weniger in der Ausführung, denn in der Schwäche der Kompositionen selbst hatte.
Wie stark der Kammerchor St. Andreas ist, wenn es gilt, ein reizvolles Werk zu gestalten, zeigte dann auch nochmals die Wiedergabe von Felix Draesekes nahe gehender Motette „O bone Jesu“ und Anton Bruckners „Christus factus est“. Gerade in letzterem Stück, das wie ein komprimierter Adagio-Satz seiner Symphonien aufgebaut ist, gaben Römer und sein Ensemble nochmal alles, nicht nur interpretativ, sondern auch stimmlich, beispielsweise in den Spitzenlagen des „Et Deus exaltavit illum“, dessen hymnischer Ton das Konzert würdig beendete.
Wolfgang-Armin Rittmeier
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Dienstag, 18. April 2006
HILDESHEIM. Es muss ja nicht immer ein runder Geburtstag sein, den man feiert. Dachten sich auch Karen Baumgartel, Thomas Siebert, Bernhard Römer und Mitglieder des Bach-Orchesters St. Andreas, als sie zum Geburtstagskonzert für Johann Sebastian Bach in St. Andreas einluden.
Der 321. Geburtstag. Zur Einstimmung: Präludium und Fuge C-Dur BWV 547. Römer wählte hier ruhige Tempi, so dass die Freude auf das Fest zunächst verhalten blieb. Doch die „Sinfonia“ in E-Dur aus der Kantate BWV 49 „Ich geh und suche mit Verlangen“ für Orgel und Orchester brachte erfreuliche Festtagslaune in die Kirche, und diese Stimmung hielt größtenteils an. Den Eingangssatz des Konzerts A-Dur BWV 1055a für Oboe d’amore und Orchester gestaltet Thomas Siebert voller Ausdruck, die virtuosen Solopassagen bleiben lebendig, aber nie unnötig übersprühend. Die einleitenden tiefen Seufzer des Larghetto präsentiert das „Orchester“ – Mirjam Klein und Annette Siebert, Violine, Markus Webel, Viola, Thorsten Encke, Violoncello, Peter Löhner, Kontrabass sowie Bernhard Römer, Orgel – inbrünstig, und Siebert „reagiert“ auf das Klagen mit ariosen Figuren, mal flehentlich, mal widersprechend. Der Schlusssatz, den die Musiker allerdings weniger „Allegro ma non tanto“ als mehr „Presto“ auffassen, leidet zeitweilig unter dem rasanten Tempo, da die nuancierte Gestaltung mitunter auf der Strecke bleibt.
Dass die Sopranistin Baumgartel ihr Fach beherrscht, durfte sie wieder einmal anhand der Musik Bachs beweisen. Transparenz, ausgezeichnete Textverständlichkeit, satter Klang in allen Lagen und dynamischen Nuancen, kurzum eine ungekünstelte Kunst war’s, an welcher das Publikum teilhaben durfte. Doch hatte sie auch vorzügliche Begleiter. Besonders prachtvoll gelingt der Choral „Sei Lob und Preis mit Ehren“ aus der Kantate BWV 51 „Jauchzet Gott in allen Landen“. Diesen Satz der Sopran-Solokantate leiten die Solo-Violinen jubilierend, bewegend ein, und die Sängerin gestaltet mit den beiden Violinistinnen und der Continuo-Gruppe einen Reigen „aus Herzensgrund“, der unter die Haut geht.
Aber auch die Arie „Weichet nur, betrübte Schatten“ aus Bachs gleichnamiger Kantate BWV 202 (Hochzeitskanatate), ist voller froher Botschaften und „Stimmen“: So bezaubert der Oboist dank seiner Kunst, aus einem Motiv endloses Sehnen zu schöpfen, die Sopranistin taucht in das Begehren ein, Leidenschaft liegt in der Luft, doch schließlich gemahnt Baumgartel in der Arie „Sich üben im Lieben“ zur Einkehr: „In Scherzen sich herzen / Ist besser als Florens vergängliche Lust. Aha. Ob Bach das wirklich beherzigt hat, steht allerdings auf einem anderen Blatt. jür
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Donnerstag, 23. März 2006
HILDESHEIM. Ja der Mozart: Da komponiert er wie ein Berserker, und dann hinterlässt er keine Originalkomposition für die Kirchenorgel! Doch er vollendete drei (Auftrags-)Arbeiten für echanisches Orgelwerk, ein Kuriosum, das der selbst ernannte Graf Deym in Wien für sein „Mausoleum des Feldmarschalls Loudon“ errichten ließ. In diesem Mausoleum, das die Wachsfigur des Belgrad-Eroberers Loudon in einem Glassarg beherbergte, sollte auf Wunsch des „Grafs“ stündlich von acht bis 22 Uhr eine Trauermusik erklingen. Und drei dieser Kompositionen, eben Mozarts, interpretierte Bernhard Römer in der Andreaskirche am zweiten Konzertabend der „MozART-Festtage“ des Kulturrings.
Mozarts „Adagio und Allegro für ein Orgelwerk in einer Uhr“ f-Moll KV 594 musiziert Römer zunächst sehr beeindruckend: die Stimmung im Adagio bleibt düster, – die Trauer um den Kriegsherrn sitzt tief – der Organist entlockt seinem Instrument verzweifelte Klagelaute, bevor das Marschthema des Allegro mit Pauken und Trompeten fanfarenartig aufzieht. Hier hätte Römer allerdings ein forscheres Tempo wählen können, denn der Held soll schließlich emphatisch bejubelt werden.
Mechanisch und trotzdem tänzerisch
Das „Andante für eine Walze in eine kleine Orgel“ F-Dur KV 616, Mozarts dritte Komposition für das Mausoleum, klingt an diesem Abend, wie es klingen soll: mechanisch, aber trotzdem leicht und tänzerisch.
Die „Fantasie für eine Orgelwalze“ f-Moll KV 608 ist die eindrucksvollste Komposition für den Orgelautomaten, und Römer weiß um die Größe des dreisätzigen Werks. Er gestaltet die Eingangsakkorde dramatisch, die Fuge fasst er streng und schlicht, bevor die Variationen über das Andante-Thema erblühen können.
Das abschließende technisch vertrackte Allegro mit der Doppelfuge bannt das Publikum nochmals, bevor Römer abschließend die „Mozart-Changes“ des 1946 geborenen Zsolt Gárdonyi zum Klingen bringt. Die Komposition, basierend auf Mozarts Schlusssatz aus der Klaviersonate D-Dur KV 576, bringt einen modernen Mozart voller Esprit in die Kirche, Improvisationen und Jazzelemente geben Traditionellem die Hand. Römer geht hier förmlich auf, man spürt, dass er jede Note seines damaligen Professors bis ins Letzte begreift.
Und noch drei Kirchensonaten Umrahmt wurden diese Tonschöpfungen von drei der knappen Kirchensonaten Mozarts. Die Ausführenden der Epistelsonaten – bis auf den Cellisten Rafael Brandenburger alle Studenten der Universität Hildesheim: Katharina Pfänder und Annegret Hauenstein, Violine 1 und 2, Gudrun Gadow, Kontrabass, und Katariina Lukaczewski, Orgel. Die Musiker überzeugten durch ihre sensible und einheitliche Gestaltung der Werke. Besonders hervorzuheben ist die Sonate C-Dur KV 336, in der die Organistin ihren brillanten Orgelpart vortrefflich meisterte. Jür
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Montag, 20. März 2006
HILDESHEIM. Die Cembalo-Recitals von Andreaskantor Bernhard Römer in der Taufkapelle der St.-Andreas-Kirche haben mittlerweile Tradition. Wieder einmal konnte sich das trotz klirrender Kälte große Publikum von den Klängen des Cembalos verzaubern lassen. Kompositionen des Barock standen auf dem Programm: Bach, Händel, Rameau, Boismortier und Buxtehude. Römers Darstellung der Werke war tadellos. Bereits die außergewöhnliche Sonate a-Moll Wq 49 von Carl Philipp Emanuel Bach, die dieser seinem Schüler, Carl Eugen von Württemberg, widmete. Mächtig, mit opulentem Klang und kraftvoller Geste nahm sich Römer dieses Werkes an, und gestaltete es mit bezwingendem Stilgefühl, das auch das prachtvolle Gelingen der sich anschließenden Suite d-Moll Georg Friedrich Händels sicher stellte. Auch hier fand Römer den rechten Ton zwischen barocker Prachtentfaltung und Innerlichkeit, der Händels Kompositionen kennzeichnet. Nach dem breit gefächertem Spektrum an Affektendarstellung gefiel Joseph Bodin de Boismortiers „Deuxième Suite“ aufgrund ihres ganz anderen, viel leichteren, viel tänzerischen Charakters. Römers auch hier zielsicheres Spiel versetzte den Zuhörer unweigerlich ins absolutistische Frankreich an den Hof Ludwig XV., in einen Spiegelsaal mit dem tanzenden König, den Höflingen, den Mätressen. Ähnlich fantasmagorisch wirkte die „Suite“ Jean-Philippe Rameaus aus seinen „Pièces de Clavecin“ von 1724. Auch hier war Römer in seinem Element, konnte er doch die Bandbreite seiner darstellerischen Kompetenz bestens unter Beweis stellen. Ausgesprochen abwechslungsreich gestaltete er die elf Tanzsätze, die Allemande, die Courante, die verschiedenen Rigaudons und Rondeaus, in denen man bisweilen sogar Vogelgezwitscher erlauschen konnte („Le Rappel des Oiseaux“). Da kam keinerlei Langeweile auf, vielmehr bestach die Interpretation durch die immer neu aufblitzenden Facetten und lieferte ein Plädoyer für Rameaus Kompositionskunst. Dass Dietrich Buxtehude (nicht nur) zu seiner Zeit als musikalische Instanz galt, bewies die überraschend grazile „Toccata G-Dur“, mittels derer Römer deutlich machte, dass Buxtehude eben nicht nur der Komponist wuchtiger Orgelmusik ist, sondern dass seine Kompositionskunst breit gefächert war und deshalb beispielsweise den jungen Johann Sebastian Bach zutiefst beeindruckte. Von ihm gab es als Abschluss das „Konzert D-Dur“ BWV 972 nach dem Konzert op. 3 Nr. 7 von Antonio Vivaldi.
Herrlich konnte Römer hier noch einmal beweisen, wie wandlungsfähig das Cembalo ist. So gelang es ihm in den rasanten Ecksätzen ausgezeichnet, das Hin und Her zwischen ehemaligen Solo- und Tutti-Passagen herauszustellen, während im Larghetto der dort waltende schlichte liedhafte Ton getroffen wurde. Ein runder Abend. Rit
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Dienstag, 24. Januar 2006
(mot) Es muss nun wirklich nicht alles zum Feuerwerk werden – und schon gar nicht in der Silvesternacht, wo es sowieso sehr lautstark an allen Ecken zischt und kracht und dampft. Und deshalb ist es auch gar nicht weiter schlimm, wenn ein Versprechen nicht eingelöst wird, und sich ein „Firework for Brass and Organ“ schließlich als doch eher zurückhaltende Feierlichkeit entpuppt, als durchweg würdevoll musikalische Abschiedsgeste für ein bewegtes Jahr.
Die „Bavarian Brass“, die Bernhard Römer jetzt als Gäste in seiner Silvestersoiree vorstellte, sind ein junges, originelles Ensemble, das mit seinen vier Trompeten (Stefan Dietl, Benjamin Sebald, Dominik Thoma und Florian Zeh) und dem am Schlagwerk trommelnden, paukenden und Becken schlagenden Dominik Sebald auf breite, aber disziplinierte Klangentfaltung setzt. Schlank angelegte Erhabenheit schallt von der Empore auf die voll besetzte St. Andreas-Kirche herab, als die ersten Fanfaren des Konzertes metallisch scharf aufblitzen und den majestätischen Grundton festlegen, der bis zum gewaltigen Finale durchgehalten wird.
Flexibel unterstützt von Römer selbst, der das ganze Farbspektrum seiner Orgel aufwirbelt und immer wieder herrlich große Töne spuckt, steigern sich der Mann an der Pauke und die vier bayrischen Bläser von Anfang an in eine durchweg royalistische Stimmung hinein. Was mit einer kleinen Hymne, die Heinrich der Achte im 16. Jahrhundert komponierte, beginnt, endet unvermeidlich in der quasi-orchestralen Klangeskalation von Elgars ewigem „Pomp and Circumstance“. Und dieses brachial-feierliche Pflichtstück kommt in so getragener Großartigkeit daher, so englisch und gediegen, dass man durchaus erwartet, Charles und Camilla aus dem Seitenschiff auftauchen zu sehen, mindestens aber die ehrfürchtig flüsternde Stimme von ARD-„Royalty“-Experte Rolf Seelmann-Eggebert aus dem Hintergrund zu hören.
Zwischendurch wird auch das französische Hofzeremoniell mit drei streng hochnäsigen Renaissance-Tänzen von Claude Gervaise bespielt: Eine aufrecht schreitende, stolze Musik, mit der sich das Publikum in würdiger Haltung gen Neujahr bewegen kann, und mit der die „Bavarian Brass“ genauso kompetent umzugehen wissen, wie mit der romantischen Pracht von Mascagnis „Cavalleria Rusticana“-Intermezzo und den Arrangements von Bach-Kantaten. Gerade hier zeigt sich auch ihre spielerische Ausgewogenheit, ihr Sinn nicht nur für das Auftrumpfen mit strahlenden Fanfaren und adliger Delikatesse, sondern ebenso das richtige Gefühl für den schwebenden, feinen Gesang des „Jesus bleibet meine Freude“. Während vor den Kirchenfenstern einige schrille Knallfrosch-Pfiffe und die ersten Explosionen ungeduldig den Jahreswechsel herbeilärmen, entwickelt sich der Bach‘sche Choral, tief und beseelt gespielt, zu einem besonders schönen Beispiel für die Monumentalität der kleinen, unspektakulären Form. Und nach dieser innigen Besinnung ist man dann auch bereit, für Pomp, für Circumstance und Knallerei, für das ganze versprochene Feuerwerk aus lauter Musik und buntem Sprengstoff – und für das neue Jahr.
HILDESHEIMER ALLGEMEINE ZEITUNG, Montag, 02. Januar 2006